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Marburg „Wir machen kein Betroffenheitstheater“
Marburg „Wir machen kein Betroffenheitstheater“
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20:47 12.11.2010
Theaterspielen ist ihre Leidenschaft – und die lassen sich Schauspieler nicht durch ihre Sehbehinderung nehmen. Quelle: Marie Lisa Schulz

Marburg. Der Vorhang geht auf, der Puls schnellt in die Höhe, adrenalingeladene Konzentration macht sich breit. Jedes Hüsteln, jedes Bonbonpapier-Rascheln nehmen die jungen Schausspieler auf der Bühne wahr. Ihren Ohren entgeht nichts. Ihren Augen schon. Denn die 15 Schauspieler der Theatergruppe Nachtsicht sind zum größten Teil sehbehindert. Eine kleine Einschränkung, aber noch lange kein Hindernis für die Schüler der Blindenstudienanstalt, nicht auf der Bühne zu stehen.

Mehr noch. Sie wollen mit ihrem selbstgeschriebenen Theaterstück „Blickfang“ aufklären und sensibilisieren, wollen – auch wenn das Wort sarkastisch erscheint – einen Einblick in den Alltag sehbehinderter Menschen geben. Auf der Bühne erzählen sie ihre Geschichte. Selbstbewusst, ehrlich und durchaus auch komisch. „Unsere Absicht ist es nicht Mitleid zu erzielen“, erklärt die 18-jährige Sedaf Haja entschlossen. „Wir wollen den Leuten einfach zeigen, dass alles auch mit Sehbehinderung klappt“, fügt auch Katharina Faschinger hinzu.

Und trotzdem: Auch wenn sie kein Betroffenheitstheater auf die Bühne bringen wollten, haben sie das ein oder andere mal ein tränenersticktes Schniefen im Publikum ausgelöst. Tränen, darin sind sich die Akteure ganz unbescheiden einig, können auch ein Kompliment sein. Das schönste Lob, so erinnert sich die Theaterpädagogin Karin Winkelsträter, sei jedoch nicht der tosender Applaus, sondern leise gesprochene Worte gewesen. „Sie machen den Menschen Mut. Mut, das alles im Leben zu schaffen ist“, hatte eine Zuschauerin auf dem Festival „Junges Theater Europa“ in Rudolstadt im Oktober der Regisseurin hinter der Bühne anvertraut.

Und Mut brauchen die jungen und Mädchen von Nachtsicht auch, wenn sie auf die Bühne treten. Denn neben normalem Lampenfieber warten auf sie noch andere Herausforderungen. „Ich habe immer Angst, dass ich von der Bühne falle“, witzelt eine junge Darstellerin. „Und ich bin mal mitten während der Aufführung gegen die Kulissen gelaufen“, erinnert sich eine andere lachend. Ausnahmen, die der Aufregung geschuldet sind. Darin ist sich Karin Winkelsträter sicher.

Sie kennt die kleinen Tricks, um solche Vorfälle zu vermeiden. Spürbare Markierungen auf dem Boden geben die Wege vor, der Ablauf wird immer und immer wieder geprobt. „Wir brauchen manchmal ein bisschen länger, ein Stück einzustudieren, da sich die Schauspieler viel mehr konzentrieren müssen“, weiß Winkelsträter. Das sei aber auch schon der einzige Unterschied zu anderen Theatergruppen. „Ich vergesse sogar manchmal, dass ich mit Sehbehinderten arbeite. Für mich spielt das einfach keine Rolle“, erklärt die Regisseurin weiter. Ihre Aufwärmübungen, die hat sie aber doch ein bisschen umstellen müssen. Blickkontakt wird durch intensive Stimmarbeit und Körpersprache ersetzt. Hier gilt: Worte und Gesten sagen mehr als Blicke.

Seit einigen Proben hat sich auch die 17-jährige Jasmin Jakobs der Nachtsicht-Gruppe angeschlossen. Sie hat weder eine Sehbehinderung noch Vorurteile. Wieso auch? „Das ist hier ein total angenehmes, energiegebendes Arbeiten in einer aufgeschlossenen Gruppe“, schwärmt sie. Auch sie musste eine Lektion schnell lernen: Blindes vertrauen – denn nur wenn die Harmonie innerhalb der jungen Schauspieler stimmt, kann auch die Kreativität sprudeln. Muss sie auch. Denn von nachgespielten Theaterstücken halten die selbstbewussten Akteure wenig. Sie wollen selbst Regie führen, wollen ihr Theaterstück mitgestalten und mitentwerfen – so, dass jeder seinen Platz auf der Bühne findet. Ob nun singend, tanzend oder spielend. Ihr Plan für die Zukunft: Etwas komödiantisches schreiben. Das mit den Tränen der Rührung beherrschen sie ja schon, nun soll es an die Königsdisziplin gehen: Das Publikum zum Lachen bringen. Eine Herausforderung. Sicher. Aber Herausforderungen, das haben die jungen Schauspieler gelernt, sind zum Meistern da.

von Marie Lisa Schulz

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