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„Winterreise“ endet hoffnungsvoll

Kurhessische Kantorei „Winterreise“ endet hoffnungsvoll

Fast jeder Platz in der Lutherischen Pfarrkirche St. Marien war am Samstag besetzt, als Landeskirchenmusikdirektor Uwe Maibaum und sein Chor ein ganz besonderes Totengedenken gestalteten.

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Die Kurhessische Kantorei spielte in der Pfarrkirche Brahms‘ „Deutsches Requiem“.Foto: Breme

Marburg. Jede Musik vermag Trost zu spenden. Aber nur wenige Werke sind ausdrücklich aus diesem Anlass komponiert worden. Das vielleicht eindringlichste ist das „Deutsche Requiem“ von Johannes Brahms, weil der große Romantiker sich auf einzigartige Weise hineinversetzt in jene Menschen, die um gestorbene Angehörige und Freunde trauern, und sie mit seiner vorwiegend optimistisch gestimmten „Totenmesse“ das Licht am Ende des Tunnels schauen lässt.

Deshalb berührt das Hören dieser wundervollen Musik besonders stark im grauen Monat November, in dem das Gedenken an die in eine andere - hört man Brahms ganz genau: bessere Welt - Gegangenen besonders groß geschrieben wird. So geschah es auf bewegende Weise auch am Samstag in der Lutherischen Pfarrkirche St. Marien, obwohl die Wiedergabe den Chor und die Sopransolistin an ihre Grenzen führte.

Landeskirchenmusikdirektor Uwe Maibaum versteht es wie kein anderer Marburger Chorleiter, außerordentlich spannende Themenkonzerte zu gestalten. Das Brahms-Requiem stellte er ans hoffnungsvolle Ende einer „Winterreise“, in deren ersten Teil fünf Lieder aus Franz Schuberts gleichnamigem Meisterwerk den Mittelpunkt bildeten, gipfelnd im finalen „Leiermann“, der den Winterreisenden am hoffnungslosen Ende seines irdischen Lebens zeigt.

Tobias Scharfenberger gestaltete diese Lieder, von Marcelo Amaral am Klavier eindringlich unterstützt, mit brennender Intensität, sodass man sich den Bariton auch als Interpreten von Gustav Mahlers orchestraler Friedrich-Rückert-Vertonung „Um Mitternacht“ gewünscht hätte. Christine Wolffs lyrischer Sopran wirkte dort überfordert, geriet besonders im Gott zugewandten emphatischen Schluss dieses nächtlichen Albtraums zu stark unter Druck. Besser lag Wolff das feinfühlig gestaltete Solo „Ihr habt nun Traurigkeit“ im Brahms-Requiem.

Die Kurhessische Kantorei überzeugte ebenfalls in den lyrischen Teilen. Der von Maibaum zu schlanker Tongebung angehaltene Chor hatte den Abend eindrucksvoll mit Robert Schumanns „Herr, erbarme dich“, dem „Kyrie“ aus der „Missa sacra c-Moll“, eröffnet und danach mit freudvoller Leuchtkraft Anton Bruckners „Rette mich, Herr, vor dem ewigen Tod“ gestaltet, das als „Libera me“ die katholische Totenmesse beschließt.

In den wenigen, von Brahms ganz gezielt eingesetzten dramatischen Ausbrüchen des „Deutschen Requiems“ geriet der Chor jedoch zeitweise gegenüber den immer klangschön musizierenden Frankfurter Sinfonikern ins Hintertreffen - was möglicherweise auch der Kirchenakustik geschuldet war. Generell ließ zudem bei den Sängerinnen und Sängern der Kurhessischen Kantorei die Textverständlichkeit zu wünschen übrig. Das fiel besonders auf in den beiden Wechselgesängen mit dem Baritonsolisten Tobias Scharfenberger, bei dem jedes Wort zu verstehen war.

Aber diese Einwände verblassen angesichts des Gesamteindrucks. Diese „Winterreise mit Musik der Romantik“ weckte in jedem Zuhörer Erinnerungen an Menschen, die nicht mehr leben, und schenkte die Gewissheit, dass es nach jedem Winter wieder Frühling wird. Das klang im Publikum nach, sodass es, nachdem der letzte Ton verklungen war, lange dauerte, bis dankbarer Beifall einsetzte.

von Michael Arndt

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