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Marburg Willkommen in der bunten Warenwelt
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18:01 23.04.2012
Der Kassierer (Rainer Hustedt) preist seine Waren an, koste es, was es wolle. Foto: Dietmar Janeck Quelle: Dietmar Janeck / Dietmar.Janeck@
Gießen

Das wurde am Samstagabend deutlich, als Ingrid Lausunds Komödie „Hysterikon“ in einer Inszenierung von Meike Niemeyer am Stadttheater Premiere hatte. Rund 90 Minuten lang gab es heftige Attacken auf die Lachmuskulatur des Publikums und am Ende honorierten die Gäste die gelungene Aufführung mit eifrigem Applaus.

Doch die Frage sei erlaubt: Was ist so witzig an einem Supermarkt, den Thomas Döll bühnenbildnerisch sehr ansprechend als großes, buntes Konsumparadies inklusive Gefriertruhe, Kasse und vielfältigem Warensortiment umgesetzt hat?

Ganz einfach: Er dient Lausund als Metapher für ein Leben, das zunehmend den Gesetzen von Angebot und Nachfrage gehorcht und selbst zwischenmenschliche Beziehungen nach diesen Tauschregularien organisiert.

Zugegeben, das klingt nach reichlich Zynismus und bitterer Ironie, und genau das sind auch die zentralen Merkmale des Humors der deutschen Autorin, die ihr emotional deformiertes Personal als Karikaturen und kapitalismuskritisch einsetzt. Zusammengehalten wird die Handlung, die aus zahlreichen Episödchen besteht, vom Kassierer, den Rainer Hustedt mit viel Witz als eine verführerisch mephistophelische Figur mit den Qualitäten eines Marktschreiers interpretierte.

Immer wieder motiviert er seine Kunden, sich dem Fetisch Ware hinzugeben, und das treibt bisweilen merkwürdige Blüten, beispielsweise wenn sich eine junge Frau völlig durcheinander bringen lässt durch die Empfehlung eines neuen Joghurts oder ein Mann davon überzeugt werden soll, eine fast eine Millionen Euro teure Kaffeekanne von Ferrari zu kaufen. Besonders pikant: Eine ältere Frau billigt den sexuellen Betrug durch ihren Mann, weil sie weiß, dass sie im Anschluss mehr Aufmerksamkeit vom Gatten bekommt.

Kurzum: In zahlreichen Episödchen kritisiert Lausund sehr deutlich den Verlust echter zwischenmenschlicher Bindungen und individueller Identität zugunsten der Gesetze von Tauschwert, Angebot und Nachfrage.

Sicher, diese Sozialkritik kommt bisweilen überdeutlich und mit der Brechstange daher, doch das ist auch notwendig, denn gerade aus dieser Drastik bezieht die Komödie ihre Kraft, und vieles würde vermutlich eher tragisch wirken, würde nicht so plakativ überzeichnet.

Das Fazit: „Hysterikon“ bietet einen sehr vergnüglichen Theaterabend, auch dank der grundsoliden Leistung des Ensembles, das wegen der vielen wechselnden Rollen in den Episoden nicht jeweils rollenbezogen kritisiert wird. Nur so viel: Die Schauspieler Petra Soltau, Theresa Henning, Pascal Thomas, Ana Kerezovic´, Frerk Brockmeyer, Harald Pfeiffer - der über weite Strecken der Handlung wortlos in einem Einkaufswagen über die Bühne düst -, Svea Bein und Theresa Gehring bescherten ihren Gästen eine witzige Premiere. Der eifrige Schlussapplaus war der beste Beweis dafür.

Karten gibt es im Internet: www.stadttheater-giessen.de

von Stephan Scholz