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Marburg Wie man Dieben auf die Spur kommt
Marburg Wie man Dieben auf die Spur kommt
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13:49 11.03.2018
Workshop-Teilnehmer Maximilian inspiziert Substanzen unter dem Mikroskop.  Quelle: Ina Tannert
Marburg

Einfach unglaublich, was in Marburg so alles verschwinden kann: Pferde, Autos, bis hin zum Boot – alles gestohlen von besonders dreisten Dieben, denen zum Glück 30 pfiffige Nachwuchs-Detektive im Labor auf die Schliche kamen.

Als ganz besonders kniffliger Fall entpuppt sich der Diebstahl einer Luxusyacht, bei dem sicher selbst der berühmte Sherlock Holmes seine Probleme gehabt hätte – zumal in Marburg. Der Dieb ist nach der Tat mit der schwimmenden Beute geflohen, doch er hat jede Menge Spuren hinterlassen – Erde, Pflanzenteile, Fingerabdrücke, ein mysteriöses weißes Pulver. Ein Paradies für Forensiker – und für eine ganze Horde neugieriger Kriminaltechniker, die sich beim Krimilabor der Volkshochschule mit Feuereifer an die Arbeit machen.

Die Bodenprobe wird als Erstes analysiert. Vorsichtig füllen die Kinder die krümelige Erde in Petrischalen, beträufeln die Beweise mit einer ganzen Reihe an chemischen Hilfsmitteln. Ob sich wohl Eisen, Kalk oder Salz in den Proben findet? Das wären wissenswerte Hinweise auf den Dieb. „Die Untersuchung der Erde hilft uns herauszufinden, in welcher Gegend sich der Täter aufgehalten hat“, erklärt „Oberermittler“ Sebastian Reuter vom Chemikum Marburg.

Es zischt und blubbert in einer Schale: „In der Probe findet sich nur wenig Kalk, dafür viel Salz“, schlussfolgert Protokollantin Line und dokumentiert das Ergebnis auf einer Liste. Maximilian zieht derweil eine klare Flüssigkeit in einer Pipette auf – die Ammoniumthiocyanat-Lösung hilft bei der Bestimmung des Eisengehalts. Davon ist nichts zu finden in der Probe.

Während sich die Kollegen der anderen Ermittler-Gruppen um ein Mikroskop scharen, Fasern und Pollen untersuchen, wird nebenan Tee gekocht. Mit ganzem Körpereinsatz zerdrückt Caroline diverse Blütenteile in einem Mörser.

Dann sind Augenmaß und eine gute Nase gefragt. War das Tulpe, Kamille oder doch Hibiskus am Tatort? Alle Blüten werden mit heißem Wasser aufgebrüht, ausgiebig beschnuppert und mit der Farbe der Probe verglichen. Ganz klar: „Das ist Malve, die hat der Dieb zurückgelassen“, bestimmt Maximilian korrekt die blau-türkis verfärbte Probe. So langsam verdichtet sich die Beweiskette. Ab zum Drogentest. Das seltsame weiße Pulver vom Tatort wird geprüft. Am Bunsenbrenner geht die Spurensuche so richtig in die heiße Phase.

Auch Köpfchen ist bei der Arbeit gefragt

Mutig fackeln die Forscher diverse Substanzen über der heißen Flamme ab, verwandeln Mehl, Zucker oder Kaffeeweißer in kleine rauchende­ Haufen. Es riecht mal verbrannt, mal muffig, mal süßlich. Ergebnis: Backpulver wurde am Tatort gefunden. Hat ein Bäcker das Boot geklaut?

Runde um Runde drehen die Gruppen im Krimilabor, bis alle Ergebnisse feststehen. Dann folgt ein großes Rätselraten: Für die Diebstahlserie kommen ganz verschiedene Halunken in Betracht. War es der vorbestrafte Teeliebhaber, der in der Nähe von besonders eisenhaltiger Erde lebt? Oder der Currywurst-Fan, der seinen Kaffee mit Zucker trinkt? Nicht in diesem Fall.

Mit viel Geschick und Kombinationsgabe gelingt den Detektiven schließlich der Durchbruch: Es war der Verdächtige mit dem Fingerabdruck im Wirbelmuster, der das Meer so liebt, in Salzwasser mit Hibiskus badet und sich heimlich auf Boote schleicht. Volltreffer. Wäre der Fall nicht fiktiv gewesen, könnte man das Ergebnis nun direkt an die Justizbehörden weiterleiten. Bei der Aufklärung des Verbrechens war nicht nur jede Menge Chemie hilfreich, sondern auch Köpfchen gefragt, ganz wie bei Sherlock Holmes eben.

In die Welt der Naturwissenschaften hinein zu schnuppern, darum geht es beim Krimilabor. Organisiert wurde der forensische Ausflug von der Volkshochschule Marburg-Biedenkopf (Vhs), die mehrmals pro Semester Besuche im Chemikum anbietet. „Wir sind dabei der Türöffner, uns ist es wichtig, möglichst vielen Menschen diesen tollen Lernort in der Region näherzubringen“, sagt Angela Springer von der Vhs.

von Ina Tannert