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Marburg „What‘s up with the Spargel?“
Marburg „What‘s up with the Spargel?“
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20:33 10.11.2010
Die Amerikanerin Gayle Tufts beherrscht den Flirt mit dem Publikum. Mit ihrem herrlich unperfekten Deutsch und ihrem unkomplizierten Humor leitet Tufts durch den Abend. Quelle: Nadja Schwarzwäller

Marburg. Sie ist „Miss Amerika“ und sie ist „Everybody’s Showgirl“. Sie schreibt, sie liest, sie singt und sie performt. Und hätte der Show-Gott die perfekte Entertainerin erschaffen wollen, die aus der Not, als englische Muttersprachlerin Deutsch lernen zu müssen, die Tugend der Kunstsprache „Denglisch“ macht – er wäre nach Brockton, Massachussettes gekommen und hätte Gayle Tufts nach Deutschland geholt. So. Dieses Wort ist für Gayle Tufts „die Essenz of the deutsche Sprache“. So. Praktisch und pragmatisch.

„Zwei kleine Buchstaben mit einer enormen Wirkung“. So. Passt laut Tufts in fast allen Lebenslagen, je nach Intonation: als Ausdruck des Zweifels oder der Überzeugung, zum Wach-werden, zur Selbstbestätigung oder auch mal nach einem Orgasmus. Und apropos enorme Wirkung: „Ich habe schon lange nicht mehr so Tränen gelacht“, erklärte eine Besucherin bereits in der Pause des Programms. Als ebenfalls inzwischen in Deutschland lebende englische Muttersprachlerin war sie begeistert davon, wie „liebevoll und wertschätzend“ Tufts Blick auf die Mentalität der Deutschen und ihr Umgang mit der deutschen Sprache sei.
Warum Gayle Tufts noch nie zuvor in Marburg aufgetreten ist, wusste sie selbst nicht zu beantworten. Am Vorabend
Hanau, nun Marburg – echte „Entertainment-Hotspots“, wie sie feststellte. Ganz anders: Baden-Baden. Das Durchschnittsalter des Publikums dort sei 83 gewesen und eine Frau habe nach der Show ganz ernsthaft gefragt: „Aber Sie sprechen nicht wirklich so, oder?“.

Doch, das tut sie. Und sie schreibt auch so. Zum Beispiel in „Miss Amerika reloaded“. Mit diesem Buch ist sie derzeit auf Lesereise. Wer allerdings glaubt, dies würde bedeuten, dass die Autorin liest, und zwar einfach oder nur oder einfach nur liest, der kennt Gayle Tufts nicht.

Die gut zwei Stunden, die sie auf der Bühne steht, sind Lesung, Kabarett, Stand-up-Comedy und Entertainment, ebenso bunt und perfekt gemischt wie die deutsche und die englische Sprache, mit der sie all das zusammenhält. Ihre Sprachjonglage ist scheinbar mühelos, ihr Tempo atemberaubend, ihr Timing exzellent. Besonderen Spaß bereitet ihr, was auch dem Publikum besonderen Spaß bringt, nämlich es einzubeziehen. Da hat man als Pressevertreter keine Chance, seine Arbeit unentdeckt oder unkommentiert zu machen. „Die Paparazzi sind auch schon da“, heißt es und eine Minute später kennen sämtliche Zuschauer meinen Namen. Und Gayle kennt ihn nach einer Stunde ebenfalls noch. Auch Sebastian aus der Technik bekommt persönliche Ansprache, Lory aus Amerika wird in ein Gespräch verwickelt und ein Neuseeländer muss sich die Frage gefallen lassen, was ihn herverschlagen habe („the Wetter is besser hier, oder was?“). In ihrem Buch erzählt sie von ihren ersten Erlebnissen in Deutschland, dass Bier in ihren Wurzeln fließt und ihr Gehirn inzwischen sprachlich „reprogrammiert“ sei und sie mit Worten wie „tja“ oder „tschüß“ in Amerika aufschlage.

Gayle Tufts erörtert die Frage „What’s up with the Spargel?“, gewährt “a little Blick hinter die Kulissen des Fernsehens”, sinniert über „frivolisiertes Energiewasser“ und versucht hinter das Geheimnis zu kommen „I am erwachsen – when did that happen?“.

Eben noch war sie eine Schauspielschülerin in New York und ist mit Schlagzeugern ausgegangen, nun hat sie eine extra Plastiktüte für den nassen Badeanzug in der Strandtasche. Folgerichtig beschäftigt sie sich, gerade 50 geworden, in ihrem nächsten Buch mit dem Thema Wechseljahre – „some like it heiß“, so der Arbeitstitel.
Bei der Zugabe bewies die Entertainerin, wie sie sich selbst nennt, dass sie auch die leisen Töne beherrscht – wenn sie will. Mit einer Ballade über die Sehnsucht nach ihrer „Ex-Wahlheimat“ New York und einem hingehauchten „Gut‘ Nacht“ verabschiedete sie sich. Das Publikum bedankte sich mit stürmischem Applaus für den großartigen Abend und wie versprochen signierte Gayle Tufts dann noch „bis zum Abwinken“. Bleiben zwei Dinge zu hoffen: dass „Denglisch“ Weltsprache wird. Und Gayle Tufts nicht zum ersten und letzten Mal in Marburg gewesen ist.

von Nadja Schwarzwäller