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Marburg „Wesentlich ist die Sprachkompetenz“
Marburg „Wesentlich ist die Sprachkompetenz“
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19:31 22.04.2018
Eine Pflegerin führt eine ältere Frau mit Rollator durch einen Flur. Auch im Landkreis herrscht ein Mangel an Krankenpflegekräften. Quelle: Christophe Gateau
Marburg

Der Fachkräftemangel in der Pflege ist auch im Landkreis längst angekommen. „In der Gesundheits- und Krankenpflege übersteigt die Nachfrage das Angebot, es fehlen 114 Personen“, heißt es im Regionalreport des Hessischen Pflegemonitors aus dem Jahr 2016. „In der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege und der Altenpflegehilfe zeigen sich ebenfalls Engpässe, allerdings weniger stark ausgeprägt.“ Bis zum Jahr 2030 müssten im Landkreis laut Prognose 360 neue Pflegekräfte eingestellt werden, um die in Rente gehenden Arbeitnehmer zu ersetzen, und weitere 338, um den zusätzlichen Pflegebedarf durch die älter werdende Gesellschaft zu decken.

„Der Markt um die Pflege im Landkreis ist ein wachsender Markt“, sagt Volker Breustedt, Leiter der Marburger ­Arbeitsagentur. „Gefragt sind Pflegekräfte mit dreijähriger Examinierung, mit einjähriger Examinierung, Helferinnen und Helfer und Betreuungskräfte für Demenzpersonen.“ Deshalb suchten die Arbeitsvermittler unter Arbeitslosen und Arbeitssuchenden nach geeigneten Bewerbern für Pflegeberufe. „Die Arbeit in der Pflege und die Qualifizierung hierfür garantieren eine krisenfeste Beschäftigung.“

UKGM bietet auch Förderunterricht an

Nach einer Mitte März vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung vorgelegten Studie gibt es wegen des Fachkräftemangels 17.000 offene Stellen in den Pflegeheimen. Deshalb bemühen sich Arbeitgeber verstärkt auch um Pflegekräfte, die ihren Abschluss im Ausland gemacht haben. „Wir suchen gezielt auch ausländische Pflegekräfte, vor allem in Zusammenarbeit mit Herrn Dr. Jürgen Eierdanz von der Altenpflegeschule der Awo“,  teilte Andreas Kuchar von der Marburger Altenhilfe St. Jakob auf Anfrage mit.

Im Diakonie-Krankenhaus in Wehrda ist die Anwerbung ausländischer Fachkräfte bisher kein Thema. Auch Frank Steibli, Sprecher des Universitätsklinikums Gießen und Marburg (UKGM), teilt auf Anfrage mit: „Wir befinden uns noch nicht in der Situation, ­aktiv und gezielt ausländische Pflegekräfte anwerben zu müssen. Das Universitätsklinikum Marburg bildet seine Pflegekräfte selbst aus und sucht zusätzlich auf dem deutschen Markt nach geeigneten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.“ Derzeit beträgt der Anteil ausländischer Pflegekräfte am Marburger Klinikum nach Steiblis Angaben 2,9 Prozent. Davon stammen rund 18 Prozent aus der Europäischen Union.

Das UKGM unterstützt allerdings ausländische Pflegekräfte bei der Anerkennung ihrer Abschlüsse. Denn wer als ausgebildete Krankenpflegefachkraft aus dem Ausland in Hessen arbeiten will, muss zunächst neben ausreichenden Sprachkenntnissen auch seine gesundheitliche Eignung und Zuverlässigkeit nachweisen. Das Regierungspräsidium Darmstadt prüft sämtliche Anträge und kann den Pflegekräften auch Auflagen machen. Sie müssen dann entweder einen Anpassungslehrgang besuchen oder eine Kenntnis- beziehungsweise Eignungsprüfung ablegen, bevor sie für ihren Abschluss das Prädikat „gleichwertig“ erhalten. Im Jahr 2016 wurden in Hessen die ausländischen Berufsabschlüsse von 895 Pflegekräften anerkannt. Dafür musste sich etwas weniger als die Hälfte nachqualifizieren, wie aus einer Antwort des Sozialministeriums auf eine parlamentarische Anfrage der Linken hervorgeht.

Bewerber aus Nicht-EU-Ländern müssen nachrüsten

„Es kommt bei Berufen in der Gesundheitsbranche darauf an, wo und wie lange jemand eine Ausbildung gemacht hat“, sagt Jean Shongo, der im IQ Netzwerk Hessen Menschen mit ausländischen Berufsabschlüssen berät. Abschlüsse aus Ländern der Europäischen Union würden in der Regel anerkannt, weil die Inhalte vergleichbar seien. Dagegen müssten etwa 80 Prozent der Bewerber aus Nicht-EU-Ländern entweder eine Kenntnisprüfung oder eine Anpassungsqualifikation – etwa ein Praktikum – oder eine verkürzte Ausbildung absolvieren.

„Wir begleiten Pflegende aus anderen Ländern bis zur Erlangung ihrer Berufsanerkennung“, teilte UKGM-Sprecher Steibli mit. „Sie werden über die DRK-Schwesternschaft für den Zeitraum des Lehrgangs im Freiwilligen Sozialen Jahr oder Bundesfreiwilligendienst eingestellt.“ Neben regelmäßigen Praxisbesuchen biete das UKGM den Teilnehmern je nach Sprachkenntnis und Vorkenntnissen auch Lernberatung oder Förderunterricht an. „2016 hat eine Dame aus Weißrussland einen solchen Lehrgang erfolgreich durchlaufen, im Jahr 2017 waren es vier Damen aus Kasachstan, Korea, der Ukraine und aus Thailand. Dabei waren drei erfolgreich“, berichtete Steibli.

Sprachkompetenz ist wesentlich

„Wir haben derzeit eine Mitarbeiterin aus Syrien als ­Pflegehelferin beschäftigt“, teilte Kuchar mit. Die Altenhilfe, bei der insgesamt 27 ausländische Pflegekräfte arbeiten, bilde zudem eine Mitarbeiterin aus Spanien und eine aus Polen aus. Voraussichtlich im August und November werden sie den Abschluss als Altenpflegerin erwerben. Im vergangenen Jahr sei ein Altenpfleger aus Brasilien ausgebildet worden.

Wichtig sei bei ausländischen Pflegekräften vor allem, dass sie über fundierte Sprachkenntnisse verfügen, sagte Steibli. Das bestätigt auch Breustedt von der Arbeitsagentur: „Die Nationalität der Pflegekräfte spielt an sich keine Rolle, es kommt auf die Qualifikation an, das gilt für das Pflegepersonal insgesamt. Wesentlich ist, wie in allen sozialen Berufen, allerdings auch die Sprachkompetenz.“

Spahn: Länder müssen schneller überprüfen

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will wegen des Fachkräftemangels den Pflegeberuf attraktiver machen, etwa durch eine bessere Entlohnung, schlägt er aber auch eine schnellere Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse vor. Manchmal seien ausländische Pflegekräfte und Ärzte über ­Monate, teils sogar über Jahre in Deutschland und könnten nicht loslegen, weil das Verfahren zur Anerkennung sich so ziehe, sagte er kürzlich der „Rheinischen Post“. Selbstverständlich müsse die ausländische Qualifikation gleichwertig mit der deutschen sein. „Wir sollten aber mit den Bundesländern die Überprüfungen deutlich beschleunigen“, sagte Spahn. Beim UKGM stößt Spahns Vorschlag grundsätzlich auf Zustimmung.

Kosten sind ein Problem

Nach Erfahrung von IQ-Berater Shongo ist aber nicht nur das komplizierte Verfahren ein Problem. „Manchmal geht es auch um die Kosten“, sagt er. „Zeugnisse müssen übersetzt werden, dazu kommen Gebühren.“ Flüchtlinge, die Leistungen nach dem Asylbewerbergesetz erhalten, hätten oft Schwierigkeiten, dies bezahlt zu bekommen. Hinzu komme, dass Sprachkurse für Flüchtlinge nur bis zu einem bestimmten Niveau bezahlt würden. „Und wer eine Kenntnisprüfung bestehen will, muss sehr gut Deutsch können.“

Das IQ Landesnetzwerk Hessen bietet in der Agentur für Arbeit Marburg (Afföllerstraße 25, Raum 27) jeden Monat Anerkennungs- und Qualifizierungsberatung an. Terminvereinbarung: Jean Shongo Tel: 01 51 / 27 19 16 44, E-Mail: jean.shongo@inbas.com.

von Stefan Dietrich und unserer Agentur