Volltextsuche über das Angebot:

24 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Das Innerste nach außen kehren

Werkstatt Radenhausen Das Innerste nach außen kehren

Unter einem sprechenden Titel hat die Werkstatt Radenhausen am vergangenen Wochenende zu ihrer jüngsten Ausstellung eingeladen: „Innereiensindnichtnichts“.

Voriger Artikel
Waffenhändler
 räumt Verkauf ein
Nächster Artikel
Was geschah beim Treffen in Marburg?

Zahlreiche Besucher kamen zur Eröffnung der Ausstellung der Werkstatt Radenhausen. Im Zwielicht betrachteten sie die Werke.

Quelle: Nadja Schwarzwäller

Amöneburg. Menschliche „Bauchgefühle“. Das Innenleben von Früchten in „Anschnitten“. Oder „verborgene Welten“. Die neun Künstlerinnen und Künstler der „Werkstatt Radenhausen“ haben sich ganz unterschiedlichen Aspekten des Themas „Innereiensindnichtnichts“ gewidmet und dies auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Die Einführung in die Ausstellung hatte indes ein besonderer Fachmann in Sachen Innereien übernommen: Dr. Helmut Lichti, seines Zeichens Internist.

Innereien seien essentielle Voraussetzung für jedes tierische und menschliche Leben, so der Mediziner. Sie funktionieren in aller Stille und entziehen sich der Wahrnehmung – aber ­wehe, das „wundersame Funktionsgefüge“ kommt aus dem Tritt. Die Darstellung von Innereien in der bildenden Kunst sei zumeist mystisch, ekelerregend oder doch zumindest irritierend. Lichti schlug einen historischen Bogen von den Felsbildern in eiszeitlichen Höhlen über den Wiener Aktionismus und Francis Bacon bis nach Radenhausen.

Dort haben sich die neun Beteiligten einer Vielfalt innerer Zustände und Erfahrungen angenommen, so Lichti. Da wäre zum Beispiel Burgi Scheiblechners Interpretation eines Gehirns, geflochten aus roten Ästen und verbunden mit einer Festplatte aus Elektronik. Gesichtslose Köpfe von Gerda Waha, denen Pillen buchstäblich aus den Ohren kommen oder im Halse stecken bleiben: „Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“. Oder Hans Schohls Schreine, die Einblicke in ihr Inneres geben, auf Dinge in ihrer „schützenswerten Zerbrechlichkeit“, wie Lichti formulierte.

Ikarus' Traum vom Fliegen

Hans Schohl war bei der Ausstellung nicht vor Ort, weil er auf der Skulpturen-Biennale im japanischen Ube vertreten ist. Sein Künstler-Kollege Klaus Schlosser, das zweite männliche Mitglied der Werkstatt Radenhausen, geht mit einer Serie von übermalten Fotos „unter die Haut“ und wagt mit weiteren Bildern die Feststellung: „Despoten haben 
dicke Hoden.“ Er nähere sich am ehesten den bekannten drastischen Darstellungen von Innereien an, so Laudator Lichti.

Lies Kruschwitz entführt die Betrachter mit ihrer Malerei in „verborgene Welten“, Margarete Trümner hat sich mit „Ikarus“ dem Traum vom Fliegen angenommen und zeigt eine Sicht in Räume. „Anschnitte“ geben bei Liesel Haber den Blick auf das Innere von Obst und Gemüse frei und als würden sie sich selbst befreien, scheinen die tausend winzigen Origami-Kraniche von Antonia Mösko, die in der Installation „Flüchtig“ Richtung Decke fliegen. Angestrahlt fast blendend weiß wirken sie surreal im Dunkel des alten Gemäuers.

Ambiente bringt Vorführung zur Geltung

Dieses Gemäuer tut natürlich sein Übriges. Ins Innere – um sprachlich im Bild zu bleiben – gelangte man über eine Wendeltreppe. Alte Balken, der Geruch nach Staub und nur punktuell eine Beleuchtung prägen die Atmosphäre. Dort kam auch die Performance von Ursula Eske in ihrer Installation „Hautnah“ wunderbar zur Geltung. Draußen dann wiederum herrschte Sommerfest-Atmosphäre mit Kaffee, Kuchen und Gesprächen.

Bereits zur Eröffnung am Samstagnachmittag tummelten sich über 150 Kunstinteressierte auf dem Gelände des ehemaligen Ritterguts Radenhausen, auf dem die „Werkstatt Radenhausen“ bereits seit 1998 künstlerisch zu Hause ist. Es gab Musik von Annika Rink (Gesang) und Johannes Treml (Gitarre) und am Sonntag hatte die Ausstellung ebenfalls geöffnet.

  • Wer diese Gelegenheit verpasst hat und die Ausstellung dennoch besuchen oder die Ateliers besichtigen möchte, kann dies auch nach vorheriger Anmeldung noch tun: 06422/2438 oder 06421/4809188.

von Nadja Schwarzwäller

Voriger Artikel
Nächster Artikel