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Marburg Wer nicht sehen kann, soll fühlen
Marburg Wer nicht sehen kann, soll fühlen
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17:51 22.05.2016
Das Publikum der Tanzperformance „Touching moves“ sieht nichts. Es muss die Tänzerinnen und Tänzer mit anderen Sinnen wahrnehmen. Quelle: Nadja Schwarzwäller
Marburg

Es braucht schon Experimentierfreude, um sich auf diesen Abend einzulassen. Bühne und Zuschauerraum sind eins und zwischen Akteuren und Publikum gibt es ebenfalls keine klare Trennung.

Im Vorraum der Waggonhalle werden die Zuschauer begrüßt - obwohl dieser Begriff ein völlig falscher ist bei „Touching moves“, denn zu schauen gibt es gar nichts. Den Sehenden werden die Augen verbunden und dann sind sie auf die verbliebenen Sinne angewiesen, um Bewegungen ganz neu zu erleben.

Berührend ist die Performance in mehr als nur einem Wortsinn. „Da kamen so viele Erinnerungen und Gedanken auf, das war wunderbar“, sagt ein älterer Herr im Anschluss.

Sobald die Augenbinde umgelegt ist, werden alle in den Raum geführt. Wer stehen kann, steht, der ältere Herr und ein Student auf Krücken bekommen einen Stuhl gebracht, eine junge Frau hockt sich auf den Boden. Wo die Akteure sich im Raum befinden, was als nächstes passiert, woher die ersten Geräusche kommen, die die Performance eröffnen - all das bleibt im Dunkeln.

Es raschelt, es knistert, es knarzt. Allein Worte für das zu finden, was man zunächst nur hört, ist eine Herausforderung. Irgendwann bewegen sich die Tänzer im Raum. Klatschen, laufen und erzeugen so auch Bewegung in der Luft. Wer Angst bekommt oder die Orientierung verliert, kann einfach den Arm heben und wird auch wieder hinausgeführt, hat Karin Winkelsträter, die Initiatorin des Projekts, zuvor erklärt. Aber beim Premierenpublikum gab es keine Spur von Irritation.

Plötzlich steigt ein Geruch in die Nase. Es kitzelt an der Wange. Flieder? Flieder. Der Duft entfernt sich. Dann ist ein anderer da. Im Hintergrund Vogelgezwitscher. Als Musik einsetzt, nähern sich die Tänzer ganz behutsam. Berühren die Besucher am Arm, an der Schulter, nehmen die Hände, animieren, sie zu berühren und sich mit zu bewegen. Jeder reagiert ganz individuell.

„Das war großartig, wie die Bewegungen bei mir induziert wurden“, schwärmt einer der Besucher später. „Ganz behutsam“ seien die Tänzer gewesen und er habe sich wunderbar aufgehoben gefühlt.

Auf allen Gesichtern ist nach der Vorstellung ein Lächeln und Entspannung zu sehen. „Was für eine tolle Atmosphäre“, sagt eine der Tänzerinnen ganz begeistert. Man bedankt sich gegenseitig, spricht noch miteinander über die Erfahrungen, nachdem die Augenbinden im Vorraum wieder abgenommen sind. Experiment geglückt.

„Touching moves“ ist ein Projekt von Karin Winkelsträter in Kooperation mit dem „Theater GegenStand“ und anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Deutschen Blindenstudienanstalt (Blista) in diesem Jahr entstanden.

Am 5. und am 26. Juni finden weitere Vorstellungen im Theater im g-Werk statt. Da bei jeder Aufführung nur eine begrenzte Anzahl an Zuschauern möglich ist, sollte man sich über die Mailadresse augenschmaus@email.de oder die Telefonnummer 06421/83902 unbedingt vorher anmelden.

von Nadja Schwarzwäller

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