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Marburg Wenn der Retter zum Täter wird
Marburg Wenn der Retter zum Täter wird
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14:41 24.10.2018
Ein dunkler Tunnel, ein Paar streitet, der Mann wird handgreiflich – in diese brisante Situation platzt ein hilfsbereiter Retter, der einschreitet und selber zum Täter wird. Die Polizei trennt die beiden Männer, der Fall landet vor Gericht. Glücklicherweise war alles nur gespielt. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Verzweifelte Schreie dringen aus der dunklen Unterführung. Ein Mann brüllt. Schlägt immer wieder auf eine junge Frau ein. Zwei Passanten eilen hinzu, versuchen der Frau zu helfen. Wütende Schreie. Hilferufe. Unübersichtliches Gerangel. Der Mann wird gegen die Retter aggressiv, die wehren sich. Zwei Polizisten stürmen herbei und trennen die Kontrahenten.

Vor nicht all zu langer Zeit hatte sich genau solch ein Fall im Marburger Jägertunnel zugetragen. Diesmal jedoch ist die Gewaltszene nicht echt. Bei der dunklen Unterführung handelt es sich um den Flur in der Georg-Gassmann-Halle. Täter, Opfer und Helfer sind Teil eines außergewöhnlichen Projektes, das am Samstag in Marburg Premiere feierte. Eine Zusammenarbeit von der Marburger Justiz, der Polizei sowie des Kampfsportvereins Budo-Sport-Club Samurai (bsc).

Der inszenierte Übergriff, den verschiedene Teilnehmer durchlaufen, wird noch direkt am selben Nachmittag vor Gericht geahndet: Ganz unüblich für die Behörde öffnete das Marburger Landgericht am Wochenende seine Pforten und rekonstruierte den Vorfall vor den Augen dutzender Polizeianwärter und Kampfsportler.

Gesetzesvertreter waren ebenso echt wie die Polizisten im Saal

Auch wenn die „Tat“ nicht tatsächlich stattfand, realistisch ging es dennoch zu. Richterin Jacqueline Kempfer, Staatsanwalt Timo Ide und Verteidiger Peter Thiel traten im Schwurgerichtssaal in Aktion. Sie hatten sich für das Projekt zur Verfügung gestellt. Die Gesetzesvertreter waren dabei ebenso echt wie die Polizisten im Saal – nur Täter, Opfer und zivile Zeugen übten sich als Schauspieler und boten eine überzeugende Show.

Darum ging es: Dem „Angeklagten“, alias Kampfsportler Robin Ruff, wurde vorgeworfen, in der Nacht einen anderen Mann – ein Polizeianwärter, der anonym bleiben möchte – im Jägertunnel grundlos angegriffen und in den Würgegriff genommen zu haben. Das stellten beide vor Gericht auch noch einmal unter den Augen der Prozessbeteiligten nach. Dieses Eingreifen hatten zumindest das mutmaßliche Opfer und dessen Freundin heraufbeschworen: Beide sahen jedoch keinen Grund für die angebliche Rettungsaktion, auch wenn der Streit durchaus handgreiflich geworden war, „wir sind eben emotionale Menschen“, gaben beide an.

Dieser Szene widersprach der Beschuldigte, stellte die Lage ganz anders dar. In dem Glauben, dass der fremde Mann gewaltsam gegen seine Freundin losging, griffen er und sein Begleiter ein. Nachdem eine „verbale Deeskalation“ nicht fruchtete, setzte der Kampfsportler sein Gegenüber im Schwitzkasten fest, während der Kumpel die Polizei verständigte: Sie handelten, um die Frau zu schützen, beteuerten beide.

Sowohl der Angeklagte wie das angebliche Opfer stellten den jeweils anderen als Aggressor dar. Mit gezielten Fragen bohrte die Richterin nach, rekonstruierte die Situation und brachte beide Seiten durchaus in Erklärungsnot. Auch der vermeintliche Retter, der sich zu Unrecht wegen Körperverletzung angeklagt sah, kam zeitweise ins Schwimmen.

Durch Nothilfe bleibt der Angreifer straffrei

Ziel der Vernehmungen war die Klärung der Frage, ob überhaupt eine bedrohliche Situation vorgelegen hatte, die ein Eingreifen – und damit eine straffreie Nothilfe – rechtfertigte.

Nach Meinung aller Prozessbeteiligten war dies der Fall: Die hitzige Auseinandersetzung samt rabiatem „Gerangel“ zwischen dem Paar wirkte entsprechend bedrohlich, „in tatsächlicher Hinsicht hat er die Tat begangen, aber er befand sich in einer Nothilfe-Situation“, stellte Ide fest. Auf die Zivilcourage des zu unrecht beschuldigten Sportlers folgte der Freispruch. Er hatte die Grenze der Nothilfe nicht überschritten.

Doch dass dies in der Hitze des Gefechts durchaus passieren kann, damit beschäftigten sich die 18 Kampfsportler, die den Pseudo-Prozess verfolgten, bereits zuvor.

Das Ziel der ungewöhnlichen Kooperation zwischen Sportlern, Polizei und Justiz: Erfahrungen sammeln – im Kampfsport, im Strafrecht und im Justizsystem.

Die Sportler hatten am Vormittag die Konfliktsituation im Tunnel in der Sporthalle des Gaßmann-Stadions nachgespielt. Im bsc wird unter anderem Jiu Jitsu und Taekwondo gelehrt, die kampferprobten Mitglieder verfügen über die körperlichen Voraussetzungen, um im Falle eines Angriffs, zu reagieren.

Durch das Projekt erfuhren sie, wo die Nothilfe enden kann, gingen dabei an die eigenen Belastungsgrenzen. Wie der Pulsometer verriet, kam so mancher Teilnehmer auf einen Puls von 200. „Das war eine Grenzerfahrung und genau darum ging es auch – wir wollten, dass die Teilnehmer mal über den eigenen Tellerrand schauen, weg vom normalen Training“, erklärte Organisator Uwe Nößler (rundes Foto rechts). Denn das Training folge einer klaren Struktur, die Realität nicht – eine plötzliche Konfliktsituation steigert den Stressfaktor und lässt das Adrenalin hochschießen. Der Lernerfolg sei ungleich größer.

Eine realistische Erfahrung stand auch bei den zehn anwesenden Polizeianwärtern im Mittelpunkt, die größtenteils zum ersten Mal Gerichtsluft schnuppern konnten. Regelmäßige Zeugenaussagen gehören für Polizisten zum Berufsalltag. Auf diesem Weg informierten sich die angehenden Ordnungshüter schon im Vorfeld über Eigenheiten von Strafrecht und Strafprozessordnung, die Abläufe im Gerichtsaal sowie des gesamten Ermittlungsprozesses im Vorfeld.

Denn „die Hauptverhandlung ist eigentlich schon das Ende eines Strafverfahrens“, erläuterte Ide während einer von mehreren Unterbrechungen. Dieser geht eine umfangreiche Ermittlungsarbeit der Polizei voraus, der wiederholte Prüfungen der Staatsanwaltschaft und Gericht folgen. Zur Sicherheit, um klarzustellen, ob eine aufwendige Verhandlung überhaupt angebracht ist, „dazu gibt es dieses Vier-Augen-Prinzip“, erklärte Kempfer. Erst nach Zustimmung aller Beteiligten landet das Ganze vor Gericht.

Realistisches Szenario bringt größeren Lernerfolg

Der fiktive Fall wäre wohl schon vorher abgewiesen worden, eignete sich dennoch als handfeste Übung. Das Projekt gilt hessenweit als erstes seiner Art, die Organisatoren zeigten sich begeistert von einem erfolgreichen Verlauf. „Es ist bestens gelaufen – von der Organisation bis zur Durchführung. Toll, dass wir diese Gelegenheit hatten“, lobte Nößler den Projekttag.

Von langer Hand geplant, sei dieser nur durch die Unterstützung von Polizei, „Schauspielern“ sowie der Leitung des Landgerichts, welche die „Bühne“ überhaupt erst zur Verfügung stellte, möglich gewesen. „Jeder hatte etwas davon und profitiert von einem realitätsnahes Szenario – das werden wir sicher nochmal wiederholen“, so Nößler zufrieden.

von Ina Tannert und Nadine Weigel