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Marburg Weihnachtswunder in Marburg
Marburg Weihnachtswunder in Marburg
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00:17 30.12.2018
Liebevoll blicken Dona und ihr Verlobter Nino ihre Tochter Alisha Shkurte an. Das Mädchen kam Heiligabend zur Welt und ist nach Donas Schwester Shkurte benannt, die vom eigenen Vater in ­Marburg erschossen wurde.  Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Sie hat Tränen in den Augen. Liebevoll blickt Dona ­ihre neugeborene Tochter an. Erschöpft, aber überglücklich. Sie kann es nicht glauben. „Ich habe zu Gott gebetet, dass er die Seele meiner Schwester weiterleben lässt. Und nun hat er meine Gebete erhört.“ Die 26-Jährige schluckt. Wischt sich eine Träne aus dem Augen­winkel.

Und dann erzählt sie eine unglaubliche Geschichte. Eine Geschichte, die unter die Haut geht. Es ist die Geschichte einer Familientragödie. Die Geschichte einer jahrelangen Flucht, die tödlich endet. Die Geschichte, die nun mit der Geburt des kleinen Christkindes namens ­Alisha Shkurte an Heiligabend im Diakoniekrankenhaus Wehrda Glück und Hoffnung in Donas Familie zurückbringt. Ein wahr gewordenes „Weihnachtswunder“:

Rückblick: Es ist der 1. ­Juni 2017. Der Tag, an dem Donas Schwester stirbt. Erschossen vom eigenen Vater. Dem Mann, den Dona nur „unseren Erzeuger“ nennt. Jahrelang tyrannisiert der Vater die Familie. Er ist kriminell. Gewalttätig. „Als ich 15 Jahre alt war, hat er versucht, mich mit dem Messer zu töten“, erinnert sich Dona. Er wird verurteilt zu 14 Jahren Haft. Nach vier Jahren im Gefängnis, kommt er wieder frei – und macht da weiter, wo er aufgehört hat.

Er macht das Leben seiner Familie zur Hölle. Donas Mutter flieht mit den drei Töchtern und zwei Söhnen von einem Frauenhaus ins ­nächste. „Es war ein Leben auf der Flucht. Er hat uns immer wieder gefunden.“ 

Im Sommer 2017 kommt es zum tragischen Ende. Der Gewalttäter spürt sie auf. Rastet aus. Ein Streit mit der Mutter im Marburger Südviertel eskaliert. „Meine Schwester Shkurte ist
dazwischen gegangen wie eine Kriegerin“, erinnert sich Dona. 

Zitat

„Meine Schwester hat sich ihm in den Weg gestellt wie eine Kriegerin.“
Dona über den Tag, als ihr Vater die Schwester erschoss

Der Vater ist bewaffnet. Er schießt auf Donas Schwester. Schießt auf Donas Mutter. Die 27-jährige Shkurte stirbt. Die Mutter überlebt schwer verletzt. Der „Erzeuger“ richtet sich nach der Bluttat gegen seine eigene Familie selbst.
„Es war einfach nur schrecklich. Wir standen alle unter Schock. Konnten nicht realisieren, dass unsere Schwester nicht mehr da war. Aber ­gleichzeitig haben wir für Mama gebetet und weitergekämpft.“

Die Prognosen für Donas Mutter waren schlecht. Die Ärzte gaben wenig Hoffnung. Das Projektil hatte das Stammhirn getroffen. Drei Wochen lag die Mutter im Koma. „Die Ärzte haben gesagt, meine Mama werde nie mehr sehen, nie mehr sprechen können“, erinnert sich Dona zurück.

Aber die junge Frau gibt ihre Mutter nicht auf. Zusammen mit ihrer älteren Schwester kümmert sie sich aufopferungsvoll. Sie schaffen das Unfassbare. „Es war ein Wunder, als sie aus dem Koma aufgewacht ist und meinen Namen gesagt hat.“ Dona liebt ihre Mutter abgöttisch. „Sie ist mit uns aus dem Kosovo-Krieg geflohen, hat immer alles für uns getan. Sie hat uns beschützt wie eine Löwin. Es ist unglaublich, wie viel Liebe, Wärme und Kraft sie uns noch immer gibt, nach all dem, was sie erlitten hat.“

Dona pflegt ihre Mutter bis in den achten Schwangerschaftsmonat. „Sie sitzt zwar noch im Rollstuhl, aber es geht ihr viel besser. Sie kann sehen, kann sprechen“, sagt Dona lächelnd und streichelt ihrem Baby sanft über das Köpfchen.
Die 26-Jährige und ihr Verlobter Nino haben ihr Kind ­Alisha Shkurte genannt. Alisha bedeutet Prinzessin. ­Shkurte ist der Name der getöteten ­Schwester. „Ich habe gespürt, dass die Seele meiner ­Schwester in mir weiterlebt“, flüstert
Dona und gibt ihrem Baby ­einen Kuss.

Dona sieht Geburt als Schicksal

Die 26-Jährige ist muslimi­schen Glaubens. Aber „Koran oder Bibel – es ist ein Buch. Es ist ein Gott. Der liebe Gott schließt die Herzen, wenn er es will, und öffnet sie auch wieder.“

Dona ist sich sicher, dass die Geburt ihrer Tochter am Heiligabend Schicksal war. Ein Geschenk Gottes. Nach den dramatischen Ereignissen im vergangenen Jahr hatte sie eine Fehlgeburt. Danach hat sie dafür gebetet, dass sie noch einmal schwanger wird und eine Tochter bekommt, um sie nach ihrer Schwester – der Kriegerin – zu nennen. Eigentlich ­hätte Alisha Shkurte bereits am 19. Dezember auf die Welt kommen sollen. Doch sie kommt am 24. Dezember, Heiligabend um 21.29 Uhr mit einer Größe von 51 Zentimetern und einem Gewicht von 3080 Gramm. Ein „Weihnachtswunder“.

„Ich habe zu meiner ­Mutter gesagt, siehst du Mama, der liebe Gott ist so gnädig mit uns und so barmherzig und schenkt uns diesen Engel an so einem heiligen Tag“, sagt Dona und blickt voller Liebe zu ihrer Tochter. Sie ist voller Demut. „Auf dieser Welt passiert so viel Elend und wir sind nicht die ersten und nicht die letzten, die Schlimmes durchmachen müssen.“ Es sei traurig, was ihrer Familie passiert ist. Aber es zeige auch eines: „Dass man niemals die Hoffnung verlieren darf.“

von Nadine Weigel