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Marburg Nuno darf Heiligabend zu Hause sein
Marburg Nuno darf Heiligabend zu Hause sein
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00:16 27.12.2018
Was für eine Visite: Echte Ärzte, Clown-Doktoren, Kinderkrankepfleger und -schwestern – sie alle besuchen Nuno.  Den freut‘s. Mit ihm im Bild (von links): Dr. Nadu, Daniela Schmidt, Leonard Schneider,  Kerstin Cyriax-Jansen, Guido Seitz, Rolf Maier, Dr. Schnickschnack und Dr. Ginella.  Quelle: Friederike Heitz
Marburg

„Es ist schon okay hier“, sagt Nuno. „Ich wäre jetzt lieber in der Schule, aber hier ist es auch gut.“ Am Mittwoch vor Weihnachten sitzt der Zehnjährige auf einem Rollbett in einem der vielen kleinen, sterilen Zimmer der Marburger Kinderklinik auf den Lahnbergen und blättert in einem Lego-Katalog. Im Sommer hatte Nuno einen schweren Unfall. Er war damals mit seinem Fahrrad auf dem Bürgersteig der Universitätsstraße unterwegs. Eine Autofahrerin bog auf den Bürgersteig ab. Es kam zum Zusammenstoß. Nuno stürzte.

Über Weihnachten bleibt nur, wer unbedingt muss

Im Polizeibericht steht, dass er mit unklarer innerer Verletzung in die Klinik gebracht wurde. „Da bin ich mit dem Krankenwagen gefahren“, erinnert sich Nuno. Er blieb die ganzen Sommerferien in der Kinderklinik.
Inzwischen ist es Dezember. Nunos Verletzung ist noch nicht verheilt. Ein weiteres Mal hat er für einen längeren Aufenthalt im Krankenhaus eingecheckt. An der Wand seines Zimmers steht ein Beistellbett für seine Mutter. Sie bleibt Tag und Nacht bei ihm. Es sei eine anstrengende Situation, sagt sie. An Arbeit sei gar nicht zu denken.

Kurz vor Weihnachten leeren sich Jahr für Jahr die Betten der Kinderklinik. Dahinter steckt kein  Weihnachtswunder. Tatsächlich sind während der Feiertage sogar eher mehr Menschen krank als sonst. Weihnachten liegt in der kalten Jahreszeit, der Zeit der Infektionskrankheiten, erklärt Professor Rolf Maier, Direktor der Kinderklinik. Hinzu kämen weihnachtstypische Beschwerden wie Bauchweh und Verstopfung. So manches Festmahl ist eben einfach zu viel für die Verdauung.

Die Kinderklinik hat 96 Betten, die Auslastung ist laut Maier hoch. Nur über die Weihnachtsfeiertage sinkt die Zahl der kleinen Patienten auf 30 bis 50, was daran liegt, dass nur bleibt, wer unbedingt muss, zum Beispiel  viele Früh- und Neugeborene. „Wir versuchen, alle über Weihnachten nach Hause zu lassen, zumindest für ein paar Stunden“, sagt Maier.

Feiertagsstimmung auf Rezept

„Kinder sehnen das Fest meist über Wochen herbei. Für sie ist es schwer, Weihnachten auf der Station zu verbringen“, sagt Kinderkrankenschwester Kerstin Cyriax-Jansen. Aber auch für die Eltern sei es belastend. Zur Sorge um die Gesundheit des Kindes komme Stress, weil plötzlich alle Weihnachtspläne hinfällig sind, Essen umgeordert, Verwandte ausgeladen und eine Bescherung in der Klinik organisiert werden wollen.
Nuno und seine Mutter haben keine großen Weihnachtspläne. Lieder singen, Spiele spielen und wie jedes Jahr „Kevin – Allein zu Haus“ schauen. „Und meine Mama möchte dieses Mal vielleicht eine Gans machen. Sie sucht schon nach Rezepten“, verrät Nuno.

Ob das klappt, entscheidet Professor Guido Seitz, Direktor der Kinderchirurgie. Er macht den beiden Hoffnung. „Mit einer Wahrscheinlichkeit von 98 Prozent könnt ihr an Weihnachten nach Hause“, sagt der Mediziner
fünf Tage vor Heiligabend.

Auch wer in der Klinik bleibt, an dem wird Weihnachten nicht spurlos vorbeigehen. Denn dort gibt es Feiertagsstimmung quasi auf Rezept. „Wir können das Familienfest zu Hause nicht kompensieren, aber wir versuchen es“, sagt Chirurg Seitz. Denn  „Weihnachten feiern ist wichtig für die Genesung“, sagt Klinikdirektor Maier.

Kein Wunder also, dass die Kinderklinik seit Wochen im Weihnachtsmodus läuft. Tannen und Adventskalender säumen die Flure. Im Foyer gibt es einen Basar. Beinahe täglich startet irgendwer irgendeine Aktion: Firmenmitarbeiter spenden Geschenke, Rotarier backen Plätzchen und Höhenretter seilen sich als Wichtel verkleidet vom Klinikdach ab. Viele Hände greifen ineinander, um kleine Patienten aufzuheitern. Da ist zum Beispiel Erzieherin Bettina Viehl, die 130 Geschenke ausgesucht und auf die Lahnberge gekarrt hat. Da sind die Köche, die Feiertags-Menüs vorbereiten, aber auch Spaghetti mit Tomatensoße, weil sie wissen, dass das bei vielen Kindern besser ankommt als die Poulardenbrust.

Die meisten werden gesund

Da ist Kinderkrankenpfleger Leonard Schneider, der an Heiligabend mit drei Kollegen die Flure ablaufen und Weihnachtslieder singen will. Und da sind Mitarbeiter wie Kinderkrankenschwester Daniela Schmidt, die freiwillig Feiertagsdienste übernehmen, damit Kollegen mit Kindern frei haben, die Klinik aber voll funktionsfähig bleibt. „Wir haben soziale Berufe. Und vor Weihnachten geht das Herz eben noch ein bisschen weiter auf“, sagt Klinikdirektor Maier.

Trotz alledem bleibt die Kinderklinik auch in der Weihnachtszeit ein Ort tragischer Momente. „Die meisten Kinder werden hier gesund. Aber auch mit modernster Medizin können wir nicht alle Patienten retten“, sagt  Maier. Er erzählt von Kindern in Lebensgefahr, von Kindern mit unheilbaren Krankheiten, denen bewusst ist, dass dieses Weihnachten ihr letztes sein wird. „Das sind Situationen, die für Familien und Mitarbeiter schwer zu ertragen sind.“

Die Tage im Krankenhaus setzen Nunos Mutter zu. Sie sieht müde und besorgt aus. Sie erzählt von Problemen bei der Blutabnahme und einer bevorstehenden Vollnarkose, von Risiken und Behandlungsoptionen.  Natürlich wäre sie mit ihrem Sohn jetzt lieber woanders – welchen Eltern ging es in dieser Situation auch anders? Aber Nunos Mutter ist auch dankbar für die Hilfe, die sie im Krankenhaus bekommt. Dass Menschen, die Hilfe brauchen, Hilfe bekommen, das ist in der Kinderklinik auf den Lahnbergen Alltag. Für Klinikdirektor Maier ist es zudem ein Gedanke, der gut in die Jahreszeit passt. „Genau darum geht es doch an Weihnachten“, sagt er.

Nachtrag: Am Sonntag (23. Dezember) erreichte uns die Nachricht, dass Nuno entlassen wurde und Weihnachten zu Hause feiern kann. Die OP wünscht ihm und allen anderen Patienten der Uniklinik gute Besserung und allen Klinik-Mitarbeitern, die wie Daniela Schmidt, Leonard Schneider und Kerstin Cyriax-Jansen während der Feiertage im Einsatz sind, ruhige Dienste!

von Friederike Heitz