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Marburg Ortsbeirat ohne offizielles Votum
Marburg Ortsbeirat ohne offizielles Votum
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19:09 22.04.2018
Das Grüner Wehr zwischen Weidenhausen und Südviertel: Bürger fordern zweites Gutachten.  Quelle: Felix Busjaeger
Marburg

Das Gutachten, auf das der Magistrat sich bei seinen Überlegungen zur Wehr-Sanierung stützt und das die OP erstmals öffentlich vorgestellt hat (OP vom 17. April), mache ihn „fassungslos“, sagte Weidenhausens Ortsvorsteher Wolfgang Grundmann (SPD).

Das zehn Jahre alte Gutachten attestiere die Notwendigkeit, das Wehr zu sanieren – „aber dann ist zehn Jahre nichts passiert“, kritisierte Grundmann. Wenn ein privates Wohnhaus sanierungsbedürftig ist, aber nicht saniert wird, werde es entweder gesperrt oder es würden Nothilfemaßnahmen angeordnet.

Tomas Schneider (Die Grünen) hielt – ohne sonderliche Wirkung im Publikum – entgegen, nach seinen Recherchen in der Verwaltung habe die Stadt sehr wohl etwas getan: nämlich einen Notfallplan für den Fall ­eines Wehrbruchs entwickelt. Andere Baumaßnahmen wie die Sanierung des Wehrdaer Wegs oder die jetzt begonnene Sanierung der Weidenhäuser Brücke seien wichtiger gewesen als das Wehr.

Hauptproblem aber bei vielen der anwesenden Betroffenen: Das Gutachten aus dem Jahr 2008 ist nicht bekannt. Warum der Magistrat das Gutachten nicht veröffentliche, wollte ein Gast wissen – eine Antwort erhielt er nicht. Vom Magistrat war kein Vertreter anwesend, und Ortsbeiratsmitglied Oliver Hahn, immerhin CDU-Stadtverordneter, musste zugeben, dass er den Grund nicht kenne. „Die Bürgerbeteiligung findet auf dem angekündigten Workshop am 26. Mai statt“, versuchte Hahn zu vertrösten, dort ­gebe es Visualisierungen der Pläne, dort könne über alles gesprochen werden.

Für Sebastian Teusch ist ­ärgerlich, dass der Termin für den Bürgerworkshop ebenso wenig­ wie das Gutachten aus dem Jahr 2008 öffentlich bekannt ­gegeben worden sei. Die Pressestelle der Stadt räumte am Freitag auf OP-Nachfrage ein, dass Zeit und Ort des Workshops noch nicht veröffentlicht worden seien.

Planungsstopp und zweites Gutachten gefordert

Was ist ein Gutachten über die Standsicherheit wert, wenn das Grüner Wehr danach zehn Jahre lang sich selbst überlassen ­worden sei? Diese Frage stellte unter anderem Dr. Bernhard Conrads. Er forderte ein neues­ Gutachten, das die aktuelle ­Sicherheit des Wehrs beurteile. Andere Diskussionsteilnehmer gingen einen Schritt weiter und forderten ein zweites Gutachten.

Bis dahin, so der ­Tenor bei einigen Diskussionsrednern, müssten sämtliche Planungen gestoppt werden. Die Eigenschaft des 800 Jahre alten Wehrs als Kulturdenkmal, das Vorkommen seltener Vögel an der ­Lahnaue und die Sanierung des Afföller Wehrs, die vor wenigen Jahren ohne eine großflächige Zerstörung der Lahnränder ausgekommen war, waren weitere Aspekte in der Debatte.

Warum die Ortsbeiratsmitglieder am Donnerstag nicht in der Lage waren, aus den Diskussionsbeiträgen ein zusammenfassendes Votum zu beschließen, blieb am Donnerstagabend ihr Geheimnis. Immerhin war die Abstimmung über ein Positionspapier, das Wolfgang Grundmann entwickelt hatte, vor 14 Tagen auf den vergangenen Donnerstag verschoben worden, um die damals diskutierten Aspekte mit aufnehmen zu können.

Im Bauausschuss fand zeitgleich ein Antrag der Linken ­keine Mehrheit, der Magistrat möge alle Gutachten zum Wehr öffentlich machen. Diesem Antrag stimmten nur die Linken zu, FDP und Grüne enthielten sich, die Regierungskoalition aus CDU, SPD und BfM stimmte dagegen.

Stötzel: Fischtreppe und Plattform „fakultativ“

Bürgermeister Stötzel erläuterte­ anschließend, dass es derzeit um Planungen des Magistrats aus dem August 2017 für die Sanierung des Grüner Wehrs gehe, die frühestens nach der Fertigstellung der Bauarbeiten an der Weidenhäuser Brücke begonnen werden könnten, also ab dem Jahr 2020.

Deshalb könne jetzt über Entwurfsplanungen für das Projekt diskutiert werden. Aus Gründen der Standsicherheit der Gebäude Am Grün sei klar, dass es an der bisherigen Stelle immer ein Wehr geben müsse und dieses nicht abgebrochen werden dürfte, betonte Stötzel.

Das Grüner Wehr werde seit vielen Jahren beobachtet. Die so entdeckten Mängel seien in den vergangenen 50 Jahren aber grundhaft behoben worden. Das aus dem Jahr 2008 stammende Gutachten (die OP berichtete) empfehle aber eine grundhafte Sanierung des Wehrs. ­

Zudem müssten Vorgaben des EU-Wasserrechts berücksichtigt und eine Fischtreppe eingebaut werden. Maßgabe des Gutachtens sei es zudem, dass bei der ­Sanierung das historische Stadtbild möglichst weitgehend erhalten bleiben solle.

Nach einer Bedarfsanmeldung für das Projekt 2008 habe es im Jahr 2013 die Genehmigung der Vorplanung gegeben, erläuterte Stötzel.
Sowohl der viel diskutierte Einbau einer Kanurutsche als auch eine zusätzliche Aussichtsplattform seien fakultativ und nicht zwingend notwendig. Über den Sinn oder Unsinn beider Ideen könne bei dem Bürger-Workshop am 26. Mai geredet werden, sagte Stötzel.

  • Bürger-Workshop zum Grüner Wehr: Samstag, 26. Mai, ab 9 Uhr im Stadtverordnetensitzungssaal.