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Marburg Handel befürchtet immense Einbußen
Marburg Handel befürchtet immense Einbußen
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00:17 09.10.2018
Die Weidenhäuser Brücke wird auch während des Weihnachtsgeschäfts – entgegen der ursprünglichen Planung – gesperrt bleiben. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

„Es ist schon bezeichnend, dass die Stadt die Vollsperrung der Weidenhäuser Brücke erst in den Ferien bekanntgibt“, sagt eine Einzelhändlerin aus der Oberstadt, die anonym bleiben möchte. „Mir kann doch niemand ernsthaft erzählen, dass das nicht schon vor einigen Wochen bekannt war, als von Verzögerungen die Rede war. Aber das passt ja zur Informationspolitik“, ereifert sich die Geschäftsinhaberin. Und fügt hinzu: „Es geht hier um unsere Existenz.“ Sie wisse nicht, ob ihr Laden im kommenden Jahr noch bestehe, vermutlich werde sie nun zunächst Personal entlassen müssen.

Für Patrick Peckmann vom Einzelhandelsverband ist „die dauerhafte Sperrung der Weidenhäuser Brücke gerade im Weihnachtsgeschäft der „worst case“. Für den Einzelhandel, welcher bereits seit dem Beginn der Brückensperrung abwandernde Kundenströme verzeichnete, wird es jetzt „sehr ernst“. Die Händler hätten eigentlich versuchen wollen, bisherige deutliche Umsatzeinbrüche „bei der geplanten Öffnung einer Fahrbahn der Brücke zum Weihnachtsgeschäft etwas abzufedern, was jetzt leider nicht klappt“. Dabei sei die Weihnachtszeit die wichtigste Zeit für den Handel, in welcher der wesentliche Umsatz erzielt werde.

„Es ist damit zu rechnen, dass die dauerhafte Sperrung der Weidenhäuser Brücke im Weihnachtsgeschäft für einzelne Händler existenzbedrohende Umsatzeinbrüche mit sich bringt“, so Peckmann. Dabei dürfe man nicht vergessen, dass selbst eine einseitige Öffnung nicht dazu geführt hätte, dass Kundenströme und Umsätze gleich wieder gestiegen wären. „Aber zumindest wäre der Umsatzrückgang etwas milder gewesen“, sagt Peckmann. Für die Händler sei es jetzt auch schwer, für das Weihnachtsgeschäft noch eine alternative Strategie zu entwickeln, denn das stehe direkt vor der Tür.

Marketing soll Kunden aus dem Umland anziehen

„Diese Umsatzrückgänge und deren Auswirkungen auf die Ladengeschäfte und unter Umständen auch auf Arbeitsplätze sind nicht automatisch mit der vorausgesagten vollständigen Öffnung im kommenden Sommer weg. Solche anhaltenden und deutlichen Einbrüche können nur über einen langen Zeitraum kompensiert werden“, verdeutlicht Peckmann. Noch dazu wisse niemand, ob der neue Bauzeitenplan „diesmal wirklich hält“.

Der Einzelhandelsverband habe positiv zur Kenntnis genommen, „dass die Stadt versucht, den Handel zu unterstützen und hierzu auch die seitens des Handels und der Wirtschaft bereits im Vorfeld an die Stadt herangetragenen Möglichkeiten zur Nutzung der Parkfläche Uni-Bibliothek beziehungsweise Afföller und Shuttlebusse nunmehr aufgegriffen hat.“ Die seitens der Stadt weiter zugesagte Unterstützung im Marketing zur Erreichbarkeit der Stadt werde „hoffentlich insbesondere im für den Marburger Einzelhandel so wichtigen Umland wirken und die Kunden nach Marburg führen“.

Peckmann sagt weiter: „Das Entscheidende zur Bewältigung dieser großen Herausforderung muss aber sein, an allen möglichen Punkten zur Attraktivität der Stadt Marburg trotz der Sperrung ernsthaft zu arbeiten und die Belange des Handels in Marburg ernst zu nehmen.“

Das ist auch eine der Hauptforderungen von Christian Großmann, dem Vorsitzenden des Werbekreises Marburg-Nord. „Es wurde jede Menge geredet, und es wurde auch schon einiges auf den Weg gebracht“, sagt er. So sei es möglich, mit dem „Drehen an kleinen Stellschrauben durchaus eine Verbesserung zu erzielen“, sagt er und führt als jüngeres Beispiel die Verlegung des Radwegs auf einem Teilstück in der Bahnhofstraße an. Somit könnten die Autofahrer schneller zweispurig weiterfahren und stünden kürzer im Stau, „das ist ein positives Signal“, sagt Großmann.

Doch gebe es noch zahlreiche weitere dieser Stellschrauben, „über die jedoch nur geredet wird. Jetzt ist die Zeit des Machens“, verdeutlicht er. Denn gerade unter der Woche gebe es immer noch eine extrem hohe Verkehrsbelastung in der Nordstadt.

„Herausforderungen sind nicht kleiner geworden“

Vor diesem Hintergrund wünsche er sich, dass man – zumindest temporär – die seinerzeit „Verkehrsversuch“ genannte Verkehrsänderung in der Nordstadt rückabwickle. „Das wurde zunächst abgelehnt, weil wir ja eine halbseitige Brückenöffnung bekommen sollten. Die ist aber nun weg – also muss eine Diskussion wieder möglich sein“, verdeutlicht Großmann. Möglich sei auch, den Wehrdaer Weg als Entlastungsstrecke stadtauswärts auszuweisen.

Für Großmann ist klar: „Die Herausforderungen sind keineswegs kleiner geworden“, im Gegenteil: Zahlreiche Händler hätten Marketingpläne erstellt, die auf die halbseitige Öffnung abgezielt hätten, „das ist nun hinfällig“. Vor dem Hintergrund der nun gemachten Erfahrungen „muss man wohl leider davon ausgehen, dass auch die Öffnung zu den Sommerferien 2019 nur ein Wunschdenken ist“. Damit könne der Handel leben – wenn man „mit offenen Karten und frei von Ideologien schaut, an welchen Stellschrauben für eine Verbesserung gedreht werden kann“.

Auch für Oskar Edelmann, stellvertretenden Hauptge­schäftsführer der IHK Kassel-Marburg, sind „die eingetretenen Verzögerungen aus Sicht der Wirtschaft sehr bedauerlich und treffen den stationären Einzelhandel besonders hart, zumal die umsatzstärkste Zeit betroffen ist“. Einzelhändler und Dienstleister befürchteten nun massive Einbußen beim Weihnachtsgeschäft, dessen Umsatzanteil je nach Handelssparte zwischen 20 und 30 Prozent des Jahresumsatzes betrage.

Edelmann nimmt Kunden in die Pflicht

„Um die bislang erlittenen Umsatzeinbußen ein Stück weit zu kompensieren, hatten sie bis zuletzt auf eine zumindest einseitige Öffnung der Weidenhäuser Brücke bis spätestens November gehofft. Entsprechend enttäuscht äußern sie sich nun über die neue Situation“, sagt Edelmann. „Wir können nur hoffen, dass der Termin für die vollständige Öffnung der Brücke eingehalten wird.“

Es sei jetzt wichtig, die Kunden trotz der Baustelle in die Stadt zu bringen. Daher begrüße man Projekte wie kostenloses Park and Ride, „um die Auswirkungen auf das Weihnachtsgeschäft abzufedern“. „Seit Jahren fordert die IHK Kassel-Marburg, den Abbau weiteren Parkraums in der Innenstadt zu unterlassen und das Parken für Kunden attraktiver zu gestalten. Immerhin sind die Händler der Universitätsstadt Marburg als Oberzentrum auf Kunden aus dem Umland angewiesen.“

Edelmann nimmt auch die Kunden in die Pflicht: „Den Verlust abfedern kann aber auch der Kunde, indem er trotz Baustelle und Unannehmlichkeiten den Händlern und Dienstleistern in der Stadt weiter die Treue hält. Mit jedem Einkauf trägt er zum Erhalt von Einzelhandel und Dienstleistern bei, die für eine attraktive Innenstadt unerlässlich sind.“

von Andreas Schmidt