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Marburg Wehr-Workshop verändert Baupläne
Marburg Wehr-Workshop verändert Baupläne
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21:15 28.05.2018
2.500 waren eingeladen, rund 200 nahmen teil: Aus drei Arbeitsgruppen kamen Änderungs-Vorschläge zur Planung am „Grüner Wehr“. Diese Anregungen sollen nun in eine Projekt-Überarbeitung einfließen. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

An den Wänden der Kaufmännischen Schule hängen Baupläne, Skizzen und Plakate mit Verhaltensregeln für die Teilnahme am Workshop zum „Grüner Wehr“. Doch als der Weidenhäuser Martin Keßler mit seiner von Applaus ­begleiteten Kritik an dem seit Wochen kontrovers diskutierten Bauprojekt endet, ist jedem der 200 Marburger klar: Man will mit Magistrat, Stadtverwaltung und Gutachtern nicht über Planungsdetails, sondern über Grundsätzliches reden.

„Uns drohen hier die nächsten Lahnterrassen. Mir fehlt die Phantasie dafür, wie man angesichts der akuten Gemengelage aus Lärm, Dreck und Gewalt auf die Idee kommen kann, noch mehr Menschen in dieses Gebiet zu ziehen“, sagt Keßler mit Verweis auf eine geplante Wartungs- und Aussichtsplattform. Theresa Schmidt fordert auch aus optischen Gründen den Verzicht auf die Betonierung am Ufer, als Baumaterialien könnten auch Holz oder Stahl verwendet werden.

"Ohne Kanupass mehr planerische Freiheiten"

Die Cappelerin Silvia Brambring sieht das ähnlich: „Ein Idyll mitten in der Stadt droht kaputt zu gehen.“ Zuvor hatte das vor mehr als zehn Jahren beauftragte Gutachterbüro die Ausgangslage – darunter eine Schadensauf­listung am Bauwerk selbst und im nahen Uferbereich – geschildert, Funktion und Platzierung des kombinierten Fisch- und Kanupasses auf der Weidenhausen- statt Südviertelseite erklärt.

Laut Dirk Meyer, Wasserbau-Ingenieur bei KLT Consult, dem Ersteller des 2008er Wehrgutachtens, sei die ­Kanurutsche „Fixpunkt der aktuellen Planung“. Da im oberen Bereich des Wehrs bei Verzicht auf den Boots-Pass „weniger Bauaufwand nötig“ wäre, gebe es ­„ohne Kanupass viel mehr planerische Freiheiten“.

Plattform für Wartungsarbeiten unerlässlich

Die am Ufer geplante Plattform, die viele Weidenhäuser als Party-Podest bezeichnen, muss laut Stadtverwaltung aber unabhängig von einem möglichen Kanurutschen-Verzicht gebaut werden. „Für Wartungsarbeiten auch an der Fischtreppe ist so eine Plattform unerlässlich“, sagt Walter Ruth, Bauamtsleiter, mit Verweis auf die Passage verstopfende Äste oder Müll.

Allerdings bräuchte man in dem Fall den breiteren hinteren Teil des Betonpodests nicht, ein schmalerer, circa 60 Meter langer, parallel zur Fischtreppe verlaufender Steg würde ausreichen. Grundsätzlich sei auch eine Einzäunung, eine Absperrung des Wartungsbereichs „möglich, um Gefahren zu minimieren“, sagt Ruth.

Kanusportler wünschen sich Rutsche

Wasserwander-Fans ­kämpfen während der Diskussion im Workshop aber für einen Rutschenbau: „Als Kanusportler haben wir großes Interesse an der Durchgängigkeit der Lahn – nicht nur für Fische. Dieses Wehr ist das schwerste verbliebene Hindernis bis Roth und der anstehende Umbau wird auf ewig die letzte Gelegenheit für so einen Zusatzbau sein. Ein Schritt, von dem auch der Tourismus profitieren würde“, sagt Dr. Ulrich Andersch vom Marburger Kanuclub.

Die meisten Workshop-Teilnehmer lehnen die Rutsche allerdings auch mit Verweis auf Niedrig­wasser an der Lahn, Naturschutz, Stadtbildbeeinträchtigungen und Fokus auf einen touristischen Nischenbereich ab. So auch ein Sprecher des Umweltverbands BUND: „Andere Hilfen wären sinnvoller, etwa eine Führungsschiene am Flussufer um das Hindernis Wehr herum.“ Ein Vorschlag, den Klaus Hövel, Chef von Marburg Stadt und Land Tourismus (MSLT), überprüfen will: „Es braucht einen Weg vom Ober- ins Unterwasser. Eine Umtragemöglichkeit, die nicht in Konflikt mit Fußgängern und Radfahrern in Konflikt gerät.“

„Bei Herz-OP holt man auch mehrere Meinungen ein“

In der Arbeitsgruppe Denkmalschutz wurden – vor allem von Mitgliedern der Weidenhäuser Bürgerinitiative und fußend auf den Einschätzungen
von Ex-Denkmalschutzbehördenleiter Manfred Ritter – die Ergebnisse der Gutachten in Zweifel gezogen. Alle Planungen würden auf Abriss und ­Neubau hinauslaufen, obwohl es – ähnlich wie in vorherigen Jahr­hunderten – Möglichkeiten zur Minimal-Sanierung gebe.

„Bei einem Vorhaben an so zentraler Stelle ist eine zweite Meinung zwingend nötig. Bei einer Herz-OP holt man ja auch mehrere ­Experteneinschätzungen ein, um zu überprüfen, ob es der große Schnitt sein muss oder etwas minimal-invasiver geht“, sagt ein Workshop-Teilnehmer.

Neues Gutachten geplant

Und genau das will der Magistrat nun überprüfen lassen. Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) und ­Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU) kündigten ein neues Gutachten an, das „die Stabilität und bautechnische Alternativen zur aktuellen Planung“ im Blick haben solle, wie Spies sagt.

Konkret geht es beim Zusatz-Gutachten eher um die Fragen, ob tatsächlich – wie bisher vorgesehen – Spundwände in den Untergrund getrieben werden oder die bis zu 18 Bäume gefällt werden müssen. Die sich künftig aus den neuen gutachterlichen Feststellungen ergebenden Planungen, also auch die Fragen nach einer Kanurutsche und einem Uferpodest, bleiben allerdings Bauverwaltung und Politik überlassen, stellte Spies klar.

Sobald die ­Bürger-Vorschläge von der Bauverwaltung überprüft und in die Planungen ­eingearbeitet worden sind und ­gutachterliche Ergebnisse vorliegen, soll es erneut ein öffentliches Forum geben.

von Björn Wisker