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Weder tot noch lebendig

"4.48 Psychose" Weder tot noch lebendig

Der Jugendclub des Landestheaters Hessen führte das Stück „4.48 Psychose“, die letzte Arbeit der britischen Dramatikerin Sarah Kane, am Freitag vor 200 Zuschauern in der Galeria Classica auf.

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Verkörpern die Facetten der Psychose um 4.48 Uhr: (von links) Katharina Maurer, Carl Radestock, Karen Kanke, Arne Andersen, Nico Hartwig, Hannah Brand und Ulrike Czogalla.

Quelle: Christian Buseck

Marburg. „Ich ging die Treppe rauf und sah/ dort einen Mann, der war nicht da/ Er war auch heute nicht mehr dort/ Ich wünschte, ich wünschte, er wäre fort.“ Der Anfang des Gedichts „Antigonish“, das vom amerikanischen Poeten Hughes Mearns 1899 verfasst wurde, ist das finstere Dokument eines psychotischen Egos. Depression, Realitätsverlust, Halluzinationen spiegeln sich in diesem Text wider. 1999 beging die britische Dramatikerin Sarah Kane Suizid. Die Verbindung? Sie litt an einer Psychose, wie Mearns sie 100 Jahre vorher beschrieb. Das Stück „4.48 Psychose“, das Kanes letzte Arbeit war, wurde am Freitag vor 200 Zuschauern in Marburgs Galeria Classica vom Jugendclub des Landestheaters Hessen aufgeführt.

Das Stück stellt den Kampf einer Person mit ihrer Psychose dar. Die Parallelen zu Kanes Leben sind unverkennbar. 4:48 Uhr steht für den Höhepunkt der Psychose, der daher rührt, dass die Protagonistin zu diesem Zeitpunkt frei von Medikamenten ist.

Das Besondere am Originaltext von „4.48 Psychose“ ist die Form: eine Sequenz von Zahlenabfolgen, Monologen und vermeintlichen Dialogen ohne jegliche Rollenverteilung. Komplementiert wird der Originaltext von Tanzeinlagen, die von den Schauspielern einstudiert wurden. „Der Text war damals revolutionär. Es war schwierig, daraus einen wirklichen Körpertext für die Bühne zu formen. Die Herausforderung war für mich, das Stück für unsere zwölf Schauspieler zu konzipieren und aus diesen Individuen eine Person zu formen“, stellt Regisseurin Juliane Nowak fest.

Abgesehen von der 19-jährigen Ulrike Czogalla, die die Protagonistin spielt, treten die restlichen Darsteller in verschiedenen Rollen auf: Ärzte, Incubi - Albträume in ihrer quälendsten Gestalt - und Facetten der Psyche der Protagonistin wie Einsamkeit, Sehnsucht und Hass.

„Schwierig war, zu verinnerlichen, dass die anderen Rollen eigentlich ein Teil von mir sind, in vielen Situationen für mich sprechen“, sagt Czogalla.

Hin und her gestoßen wird die Protagonistin auf der Bühne von den Facetten ihrer Persönlichkeit - ungewollt, ungeliebt, ein Spielball ihrer zerborstenen Psyche. Eine Paria ihrer Umwelt und innerhalb ihres eigenen Selbst. Den Ärzten ausgesetzt, die alles tun, jedoch nicht auf ihre wirklichen Bedürfnisse eingehen. Und überhaupt: Bewertet man die Charaktere der Ärzte, so fragt man sich, wer hier denn nun wirklich krank ist.

Lichtblicke gibt es quasi gar keine in dem Stück. Es gibt fast keine Farben, nur Schwarz und Weiß. Beklommene Sterilität. Das Bühnenbild: schwarz wie das mentale Delirium, schwarz wie die rufende Dunkelheit, schwarz wie ein Wintermorgen um 4:48 Uhr. Die Beklommenheit dringt bis ins Publikum vor. Es herrscht eine finstere Stille.

Lediglich einmal blitzt so etwas wie Lebensfreude auf. Das gesamte Ensemble tritt in bunter Kleidung auf die Bühne und tanzt mit aufrichtiger Heiterkeit. Es regnet Rosenblüten. Die Hauptfigur trägt ein Sommerkleid und bricht somit als anmutiger Schmetterling aus ihrem mentalen Kokon aus. Ein Höhenflug von kurzer Dauer. Das Stück bietet keinen Lösungsweg, geschweige denn ein Happy End. Wobei man das Ende aus einer gewissen Perspektive als nachvollziehbar, konsequent und befreiend ansehen kann: Die Protagonistin wird von ihren Alter Egos förmlich zerquetscht.

von Benjamin Kaiser

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