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Was wäre, wenn Theater sich einmischt?

Landestheater-Premiere: „Bartleby“ Was wäre, wenn Theater sich einmischt?

Hochpolitisch und zugleich hochphilosophisch ist „Bartleby“ am Hessischen Landestheater. Eher ein Bühnen-Traktat denn ein Stück. Ernüchternd, oft erhellend, aber auch sehr anstrengend.

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Lene Dax und Karlheinz Schmitt sind gefangen in der „Vereinbarungsfabrik“.

Quelle: Neven Allgeier

Marburg. Der Kölner Regisseur Martin Schulze und der Kölner Musiker und Komponist Dirk Raulf bringen Herman Melvilles Erzählung „Bartleby, der Schreiber“ aus dem Jahr 1853 auf die Bühne des Hessischen Landestheaters. Als Uraufführung. Für das Marburger Theater ist es ein großer Wurf, denn Uraufführungen bekommen so kleine Häuser nur selten.

Dieser „Bartleby“ aber verlangt dem Publikum und den Darstellern einiges ab: Unglaubliche Mengen an Text etwa. Neben Melvilles Erzählung über den Schreiber, der sich so unnachahmlich dem Geschäftsbetrieb der Rechtsanwaltskanzlei verweigert, für die er arbeitet, sind es philosophische, politische und poetische Exkurse in die Welt der neoliberalen Gesellschaft aus der Feder von Schulze und Raulf.

„Ich möchte lieber nicht“

Wie die vier Darsteller Lene Dax, Insa Jebens, Karlheinz Schmitt und Michael Köckritz die Textflut bewältigen, ist bemerkenswert. Nicht nur Insa Jebens hat einen gut fünfminütigen Monolog zu stemmen. Dabei haben sie im Grunde kein Gegenüber, keinen Charakter, der mit ihnen in den Dialog tritt. Dass Michael Köckritz, der in der Endprobenphase für den erkrankten Darsteller Jürgen Helmut Keuchel eingesprungen ist, dies schafft, ohne dass es auffällt, ist schier unglaublich.

Schulzes „Bartleby“ ist eine sehr strenge Inszenierung. Das Publikum sitzt in der Black Box um ein weiß ausgelegtes Spielquadrat. Ausstatterin Silvie Naunheim hat in den Ecken kleine Podeste mit heute historisch anmutenden Schreibmaschinen platziert. Dazu je einen Stuhl und ein Mikrofon. Es gibt in dieser Arbeitswelt wenige „persönliche“ Requisiten: Blumen bei dem einen, Bücher, ein Kopfhörer oder Strickzeug bei den anderen. Das muss reichen an Individualität. An den Decken hängen Aktenvernichter und eine Uhr. Wir wissen: Zeit ist Geld.

Die Kostüme der vier Darsteller sind genauso streng: Schwarze Anzüge mit schwarzen Westen, weiße Hemden, schwarze Krawatte, glänzende Lackschuhe. Businesskleidung. Doch wer ist dieser Bartleby, mit dem sich Philosophen, Ökonomen und die Occupy-Bewegung beschäftigen? In Melvilles Erzählung ist er ein kleiner Schreiber, der sich zunehmend mit einem höflichen „Ich möchte lieber nicht“ verweigert. Sein Chef kann ihn aus moralischen Gründen nicht feuern, am Ende aber zieht er die Reißleine und verlagert gleich seinen Firmensitz. Sollen die Nachmieter doch sehen, wie sie mit Bartleby klar kommen, der längst in den Kanzleiräumen wohnt.

Er wird von den neuen Mietern „entfernt“: Sie lassen ihn als Landstreicher festnehmen. Bartleby landet im Gefängnis, verweigert mit seinem berühmten Satz „Ich möchte lieber nicht“ Nahrung und jede Kommunikation und stirbt schließlich. Bartleby taucht nie selbst auf. Er ist ein Phantom. Seine Geschichte wird von seinem Arbeitgeber erzählt, im Stück von allen vier Darstellern.

Warum sind die Zuschauer im Theater?

Bartlebys Geschichte ist aber nur die Rahmenhandlung dieser „Intervention“, wie Schulze und Raulf ihr Stück nennen. Mit eigenen Texten mischen sie sich ein in den politischen Diskurs der „spätkapitalistischen, selbstoptimierten Gesellschaft“, die angetrieben wird von Angst – Angst vor Arbeitsplatzverlust, Angst um Einkommen, Familie oder Karriere. Doch was wäre wenn?, fragen sie. Was wäre, wenn es dir gleichgültig wäre? Die Krankheit, der Kontostand, die Erwartungen zu erfüllen, Jobs anzunehmen oder hinzuschmeißen. Was wäre wenn?

Und das Theater? Das macht auch mit, auch da gilt die Vereinbarung: „Heute (in Bartleby) eben Verlust, Verweigerung, Verschwinden, und gestern Mord, und morgen Drama, und übermorgen Komödie.“ Und in dieser „Vereinbarungsfabrik“ Theater finde nun eben Bartleby statt, der „Säulenheilige der Verweigerung“, der „Märtyrer des Schweigens“. Aber auch das ist nur ein Vertrag, dem sich alle unterwerfen. Was wäre wenn?

Und warum ist man im Theater? Auch das wird das Publikum gefragt: Was tun Sie überhaupt hier, was erwarten Sie? Unterhaltung? Belehrung? Aufklärung? „Ich hasse das Geld, das ich mit Euch verdienen muss“, heißt es an einer Stelle. Denn es ist kein Ende in Sicht. Nach gut zwei Stunden, die Publikum und Darsteller permanent fordern, sind auch die Zuschauer geschafft. Und schon sind wir bei Schillers Schaubühne als moralischer Anstalt. Die darf und muss auch anstrengend sein, denn sie soll aufklären.

  • Weitere Vorstellungen sind am 19. Januar, 1.,7., 18. und 19. Februar um 19.30 Uhr.

von Uwe Badouin

 
 
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