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Was für eine Revolution!

Premiere in Gießen Was für eine Revolution!

Eine Revolution, dramaturgisch mit einigen Effekten und Überraschungen in Szene gesetzt: Das neue Stück am Gießener Stadttheater hat es in sich.

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Schenken sich nichts: Der Marquis de Sade (Harald Pfeiffer, links) und Jean Paul Marat (Lukas Goldbach).

Quelle: Rolf k. wegst

Gießen. Seit Samstag ist im Gießener Stadttheater „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats“ dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade von Peter Weiss mit Musik von Hans-Martin Majewski in einer Inszenierung von Klaus Hemmerle zu sehen.

Oder vielleicht sollte man doch besser von Erleben sprechen, denn Hemmerles Version von Weiss schonungslosem Blick auf das französische Revolutionsgeschehen hat es in sich. Der Regisseur geizt nicht mit visuellen Effekten und dramaturgischen Überraschungen, um die Analyse der Revolte, die in der Konfrontation des Egozentrikers de Sade und des Revolutionärs Marat zugespitzt ist, auf die Rampe zu bringen. Schon bühnenbildnerisch ist die Zweiteilung der Handlung von Johanna Maria Burkhart gekonnt umgesetzt und noch zu Beginn wird der Zuschauer von einem ungewohnten Bild empfangen. Denn die Schauspieler, die zunächst noch in ganz alltäglicher Kleidung auftreten, nehmen auf einem großen Podium Platz, um die Handlung mit dem Textbuch in der Hand zu reflektieren. Im zweiten Teil weitet sich dann der Bühnenraum, der von einem großen Netz eingefasst und mit Symbolen wie der Klinge eine Guillotine versehen ist und auch die Darsteller kommen teils in historischer Kleidung - für die Kostüme verantwortlich zeichnet Yvonne Forster - daher. Wozu ist diese Zweiteilung gut? Sie erzeugt ein Bewusstsein von historischer Tiefe, denn aus dem Hier und Jetzt, in dem die Hospizinsassen auf dem Podium proben, entwickelt sich die Handlung zurück in die Zeit der Französischen Revolution. Dieser Zeitsprung ist visuell gut umgesetzt und wesentlich für die Handlung, denn auf diesen zwei Ebenen nimmt Weiss klassische bürgerliche Ideale unter die Lupe. Da ist zu Beginn das Theater selbst, über Jahrhunderte immer wieder als moralische Instanz des Bürgerlichen betrachtet, die im ersten Teil genüsslich demontiert wird, indem sich die Schauspieler karikieren.

An dieser Stelle ein Kompliment für das Ensemble, das die Ironie des Auftakts, der von Klamauk und musikalischen Einlagen lebt, mit viel Spielfreude umsetzte. Possen statt Belehrung - Rumms, das erste Ideal ist zerbrochen an einem revolutionären Akt, der sich gegen die Vereinnahmung der Bühne richtet und nichts weniger postuliert als das: Theater ist Kunst, keine seelisch-moralische Besserungsanstalt der Bürgergesellschaft. Klar, das atmet den Geist von Aufbegehren, der sich auch durch den zweiten Teil zieht, sich dort allerdings gegen die Französische Revolution, aufgefasst als erdrutschartiger Aufbruch des Bürgerlichen, wendet.

Denn die Handlung lebt jetzt wesentlich von der Konfrontation des Egomanen de Sade, eiskalt und zynisch gespielt von Harald Pfeiffer, mit dem extremistischen Revolutionär Jean Paul Marat, Lukas Goldbach mit viel Temperament, an deren Ende eine weitere bittere Erkenntnis steht. Denn beide unterscheiden sich nicht wesentlich. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Im Gegenteil: Menschen werden von egoistischen Motiven getrieben, auch Revoluzzer wie Marat. Dieses auf zwei Ebenen umgesetzte Aufbegehren gegen bürgerliche Ideale haben Hemmerle und die Seinen wirklich gekonnt umgesetzt in einer Inszenierung, die von Kreativität und Spielwitz sprüht: Es ist Revolution am Stadttheater.

Wer die selbst erleben möchte: Weitere Aufführungen sind am 24. Januar, 1. und 22. Februar, 9. März und 1. und 19. April jeweils um 19.30 Uhr im Großen Haus.

von Stephan Scholz

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