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Marburg Was analysiert werden muss
Marburg Was analysiert werden muss
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19:07 19.04.2012
Professor Thomas Anz diskutiert das Grass-Gedicht.Foto: Daphne Flieger Quelle: Daphne Flieger
Marburg

Gerade einmal sechs Buchstaben und ein Leerzeichen benötigt es - den Rest weiß die Suchmaschine von alleine. In Sekundenschnelle vervollständigt sie „Was ges“ zu „Was gesagt werden muss“ und spuckt innerhalb einer Zehntelsekunde über eine Million Treffer aus. Kein Wunder, denn das Internet spiegelt nur die heftigen Reaktionen auf Günter Grass‘ aktuelles Gedicht wider.

Nicht schlecht lässt sich über die Aktualität der Internet-Enzyklopädie „Wikipedia“ staunen: in einem binnen kürzester Zeit geschriebenen Artikel schildern Onlineverfasser die Debatte über das Gedicht mit deutlichem Schwerpunkt auf die Rezeption und das Medienecho. Unwichtig scheint, wie die vielen Debatten zeigten, eine literarische Betrachtung. Ist „Was gesagt werden muss“ überhaupt ein Gedicht?

„Nein.“, sagen viele Kritiker. „Lasst es uns analysieren und interpretieren, und erst dann debattieren“, sagt dagegen Thomas Anz, Professor an der Marburger Universität und Herausgeber von „literaturkritik.de“.

Das Interesse an der öffentlichen Seminarsitzung in der Philosophischen Fakultät war groß: etwa 50 jüngere und ältere Literaturinteressierte füllten einen für diesen Anlass zu klein gewählten Raum.

Mit Fragen nach Metrik, Stilmitteln und Form tastete sich das Plenum von einer bisher stiefmütterlich behandelten Seite an das Werk heran. Darauf aufbauend sollte die folgende Diskussion geführt werden, betonte Anz. Die trockene Betrachtung der künstlerischen Umsetzung warf neue Fragen auf, wie die scheinbar banale Frage zwischen dem „lyrischem Ich“ und dem Autor: Es gehe darum, das „Ich“ im Gedicht und Günter Grass, zu unterscheiden, so Anz. Überflüssig nach Meinung vieler Besucher. Das „Ich“ sei Grass. Die Diskussion über den heiklen Inhalt und die unterschiedlichen Lesarten ließ - anknüpfend an die heftig geführten Debatten der letzten Wochen - nicht lange auf sich warten. Die offene Form des Gedichts bot auch am Mittwochabend genügend Zündstoff. Anz hob die vagen Formulierungen hervor und verwies auf die Mehrdeutigkeit, wie beispielsweise auf einen zu schnell überlesenen Konjunktiv, der die Aussage in ein neues Licht rücke.

Man mag zu dem Gedicht und Günter Grass stehen, wie man will - seine wichtigste Aufgabe hat das Werk bereits erfüllt. Es hat gezeigt, dass Kunst eine politische, gesellschaftliche Debatte in großem Rahmen anstoßen kann. Ein Seminar dazu war mehr als nötig, doch mit seinen zwei Stunden noch lange nicht ausreichend.

von Daphne Flieger