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Marburg Warum der Seetang teure Schuhe liebt
Marburg Warum der Seetang teure Schuhe liebt
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20:17 27.06.2010
Chorleiter Nicolo Sokoli trug stilecht zum Konzertprogramm einen schottischen Kilt und leitete den Bachchor auch vom Flügel aus. Quelle: Manfred Schubert

Marburg. Mit jubelndem Beifall und Bravo-Rufen belohnte das Publikum im Fürstensaal des Schlosses die 29 Sängerinnen und 15 Sänger des Marburger Bachchores. 100 Minuten lang hatten sie, unterstützt durch den Dudelsackspieler Jan Belak, unter dem Motto „Very British – Folksongs von der Insel“ den 300 Konzertbesuchern die inhaltliche, regionale und musikalische Vielfalt dieses Liedgutes auf hohem sängerischen Niveau und ansprechend präsentiert näher gebracht.

Nicht nur der Gesamtchor, sondern auch mehrere Solisten und deren wechselnde Begleiter am Flügel überzeugten. Beispielsweise Caroline Rindfleisch, die, anfangs etwas nervös, doch zunehmend sicherer, den herzzerreißenden Abschied des „Danny Boy“ von seiner Geliebten besang und dabei von Rudolf Rienau am Flügel unterstützt wurde. Sebastian Weigert bediente den Flügel bei zwei Shakespeare-Vertonungen. Sopranistin Kristina Fries interpretierte lebendig das teils dramatisch, teils antreibend wirkende „Blow, blow, thou winter wind“, in dem der Dichter unangenehme Natureigenschaften wesentlich übleren menschlichen Zügen gegenüberstellt.

Tenor Alexander Kauka erhielt viel Applaus für sein sicher, mit frischer Stimme vorgetragenes „It was a lover and his lass“, einer fröhlich-beschwingten Vertonung von Stuart Findley aus „As you like it“. Die amüsante Geschichte von „Phil the fluter“, der, obwohl bettelarm, seine Nachbarn zu einem gelungenen Ball einlädt, gestalteten die Sopranistinnen Mareike und Wiebke Tilmanns zu einem besonders gelungenen Vortrag, der die besungene britische Lebensfreude wirklich widerspiegelte. Frei singend, mit schelmischem Minenspiel teilte sie ihren deutlich sichtbaren Spaß an dem Stück mit den begeisterten Zuschauern.

Zu den vielen schönen und bewegenden Stücken, die der harmonisch und präzise agierende und sehr ausgewogen klingende Gesamtchor vortrug, gehörte das traurige, aber sehr innige Liebeslied „Greensleeves“ in einer Bearbeitung des ehemaligen King’s Singers-Tenors Bob Chilcott. Absoluter Liebling sowohl des Chores selbst als auch des Publikums war aber ein Lied aus Nordirland. „Dulaman“, was auf Gälisch „Seetang“ bedeutet, war ein sehr temporeiches, dynamisches und mitreißendes Stück, dessen zungenbrecherisch schnell vorgetragener gälischer Text hohe Anforderungen an zunächst nur die männlichen Sänger stellte, die diese mit Bravour meisterten. Als Zugabe erklang das Stück nochmals mit Frauenstimmen.

Der wie Dudelsackspieler Jan Belak mit schottischem Kilt bekleidete Chorleiter Nicolo Sokoli, erläuterte, dass im 18. Jahrhundert Seetang als Dünger, Baumaterial und Nahrung für Notzeiten gesammelt wurde. Bei dieser Arbeit hielten die irischen Frauen wohl gelegentlich ein Schwätzchen. Das erkläre den seltsamen Text, in dem ein Seetang zu einem anderen spricht, dass er gerne teure Schuhe kaufen gehen würde.
von Manfred Schubert