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Walfang zwischen Bootssteg und Wehr

Theater GegenStand Walfang zwischen Bootssteg und Wehr

Wetterfest und seetauglich sollte sein, wer sich mit Ichmael, Pater Mapple und Käpt‘n Ahab auf Walfang begibt: Das „Theater GegenStand“ zeigt auf und an der Lahn „Moby Dick“.

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Im „Gasthaus zum blasenden Wal“ machen aufgeblasene Plastikwale die Runde.

Quelle: Carsten Beckmann

Marburg. Jedes andere Freilichttheater-Ensemble hätte den Premierentermin vermutlich abgeblasen, doch zum Melville-Stoff passte der Dauerregen, der am Montagabend über Weidenhausen niederging.

Ebenso wichtig wie ein dickes Fell ist allerdings auch eine gewisse Textsicherheit – doch wer kennt den weltberühmten Romanstoff Hermann Melvilles aus dem 19. Jahrhundert nicht oder hat zumindest die Verfilmung der Jagd auf den weißen Wal mit Gregory Peck in einer der besten Rollen seines Schauspielerlebens gesehen? Wer will, kann aus „Moby Dick“ weit mehr als einen spannenden Abenteuerroman herauslesen: Das Buch ist auch eine in hohem Maß moralische Parabel über Menschlichkeit, Vergeltung, über Religion und Politik, über menschliche Vernunft und die Macht der Instinkte.

Textlich auf Fragmente reduziert, konzentriert sich die „Moby-Dick“-Fassung des „GegenStand“-Ensembles auf eher unkonventionelle sinnliche Wahrnehmungen. Erst einmal bleibt das Spektakel Theater für Landratten: Die Zuschauer werden vom Bootssteg durch die Weidenhäuser Straße ins „Gasthaus zum blasenden Wal“ geführt. In dem ehemaligen Obst- und Gemüseladen sorgen Kunstnebel und Grusellicht für ein surreales Spelunkenambiente, das nichts für Menschen mit Platzangst ist. Chorische Textfetzen, aufgeblasene Plastikwale und die flammende Rede Pater Mapples lassen schon diese Kneipenszene infernalisch erscheinen, obwohl jeder weiß, dass die wirkliche Hölle für Käpt‘n und Crew erst auf der „Pequod“ beginnt.

Im Licht von bleckenden Petroleumfunzeln hangelt sich das Publikum dann aus der Kneipe heraus in Richtung Waterkant – eine Hand am Schiffstau, begleitet von Erklärungslitaneien über die Bedeutung von „Festfisch“ und „Losfisch“. Vierercrews entern wenig später die Tretboote und steuern im Schlingerkurs einen flussabwärts gelegenen Steg an, auf dem Segelfetzen an windschiefen Masten hängen, Akteure Didgeridoos in die Fluten tauchen und Walgesänge andeuten, während neoprenbewehrte Wasserwesen für die nötige Bewegung im Lahn-Ozean sorgen.

Was Nachtflug-Passagieren im Flieger als Schlafbrillen angeboten wird, dient den „Moby-Dick“-Zuschauern als pirateske Augenklappen, was die Sicht ebenso einschänkt wie die Knisterkapuzen der Regenponchos, die leidlichen Schutz vor den Regenfluten bieten.

Erschwerte Bedingungen also für einen Theaterabend, der sein vorläufiges Ende im Schlussmonolog des einzigen „Pequod“-Überlebenden Ichmael findet – und für zumindest eine Bootsbesatzung mit einem veritablen Ruderschaden, der es unmöglich macht, den Havaristen in seinen Heimathafen zurückzusteuern. Zurück an Land, und trotzdem nicht trockenen Fußes, bleibt das Fazit: Die „Moby-Dick“-Fassung von „Theater GegenStand“ ist ein schräger Spaß, der ungefähr so viel Tiefgang hat wie die Boote, von denen aus das Publikum das Stück verfolgt.

Weitere Aufführungen gibt es ab Mittwoch bis einschließlich Sonntag, Beginn ist jeweils um 20.45 Uhr am Bootsverleih in Weidenhausen.

Kontakt:
Theater GegenStand
Rudolf-Bultmann-Straße 2
35039 Marburg
Telefon: 0 64 21/68 69 01
Fax: 0 64 21/61 44 44
E-Mail: mail@theater-gegenstand.de

von Carsten Beckmann

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