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Marburg Darf man während der Arbeit Fußball-WM schauen?
Marburg Darf man während der Arbeit Fußball-WM schauen?
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00:18 16.06.2018
Schwarz-Rot-Gold im Büro: Bevor Arbeitnehmer ihren Arbeitsplatz oder sich selber schmücken, sollten sie das vorher mit dem Chef abklären. Quelle: Andrea Warnecke
Marburg

Die Zeitverschiebung ist zwar nicht groß, doch die kommenden Spiele der Fußballweltmeisterschaft in Russland finden teilweise werktags und während der Bürozeit statt. Mal wird nach deutscher Zeit am Abend, mal am Mittag oder Nachmittag angepfiffen. Somit müssen Fans die Spiel- und Arbeitszeit unter einen Hut bringen. Ob und wie das funktionieren kann, hängt vom jeweiligen Betrieb, vom Arbeitgeber und vom Arbeitsrecht ab.

Die wichtigste Frage zuerst: Darf man im Büro während der Arbeitszeit ohne Zustimmung des Chefs Fußball schauen? Ganz klar: „Grundsätzlich nein“, sagt Rühle. Im Gerichtssaal des ehemaligen Direktors des Marburger Arbeitsgerichts trafen schon mehrfach Arbeitnehmer und Vorgesetzte aufeinander, um Konflikte am Arbeitsplatz zur WM-Zeit auszufechten.

Arbeitnehmer darf während der Arbeitszeit nicht fernsehen

Denn eines ist bei aller Fußball-Liebe grundsätzlich verboten: Ein Arbeitnehmer darf während der Arbeitszeit kein Fernsehen schauen, ob WM oder nicht. Weder auf betrieblichen noch auf privaten Geräten, wie dem eigenen Smartphone. „Das wäre eine Arbeitsvertragsverletzung“, sagt Rühle. Und der Vertrag verpflichtet zum Arbeiten, ein Verstoß wäre ein möglicher Grund für eine Abmahnung oder im schlimmsten Fall eine Kündigung.

Zudem wäre­ der Chef befugt, den Arbeitslohn für die vor dem Fernseher verbrachte Zeit zu kürzen. Denn er müsste durch den Verstoß mit Einbußen rechnen: Angesichts der Spielzeit samt eventueller Verlängerung und anderer Ablenkungen, gehe wertvolle Arbeitszeit verloren: „Wenn man sich das im Extremfall vorstellt, können das deutlich über zwei Stunden werden, das wären schnell 100 Euro Verlust pro Mitarbeiter“, gibt Rühle ein Beispiel. „Ohne Erlaubnis des ­Arbeitgebers geht es nicht“, betont er.

Keine Trikots bei klarer Kleiderordnung

Dies gelte generell für nahezu alle potenziellen Wege, die WM am Arbeitsplatz zu verfolgen. Auch für das Radio. Selbst in Unternehmen, die grundsätzlich das Radiohören während der Arbeitszeit erlauben, sei ebenso Vorsicht geboten. Denn einem Fußballspiel werde meist mehr Aufmerksamkeit geschenkt, als dem Musikprogramm, das tagtäglich im Hintergrund dudelt. Auch in diesem Fall kann der Arbeitgeber ein Verbot für die Spielübertragungen aussprechen. Erst recht, wenn sich Kollegen dadurch ­gestört fühlen. „Rücksichtnahme am Arbeitsplatz und der ­Betriebsfrieden sind immer Thema“, betont Rühle.

Etwas anders liegt der Fall beim Schnellcheck des Live-­Tickers. Wer sich auf die Schnelle­ zum aktuellen Spielstand durchklickt, läuft nicht gleich Gefahr abgemahnt zu werden, solange­ es die Leistung am Arbeitsplatz nicht schmälert. „Je nach Arbeitsort und nach den Grundsätzen der Verhältnismäßigkeit ist ein kurzer Blick erlaubt“, sagt der Jurist.

A propos Blick und Optik: Wie sieht es mit dem Tragen von Fanartikeln und Fußballtrikots am Arbeitsplatz aus? Darf der treue Fan sich in den Farben seiner Idole oder des Landes kleiden und den Arbeitsplatz auch optisch WM-tauglich gestalten? Nicht unbedingt, auch hier kommt es auf Absprachen, Rücksichtnahme und die Betriebsregeln an. Ein Trikot kann der Mitarbeiter tragen, wenn es der Kleiderordnung im Unternehmen nicht widerspricht, „die wäre andernfalls zwingend“.

Keine gute Idee: Fanhut statt Schutzhelm

Ein Fußballtrikot statt der Arbeitsschürze, ein Fanhut statt Schutzhelm oder schwarz-rot-goldene Schlappen statt den Sicherheitsschuhen sind da unangebracht. Allerdings kommt es auch ohne Kleiderordnung auf die Rücksicht an, „der Betriebsfrieden darf nicht gestört werden“, sagt Rühle. Denn der Jurist kennt durchaus Fälle unter Arbeitnehmern, die als Fans verschiedener Nationalmannschaften und mitten im WM-Rausch geradezu in einen Konflikt der Nationen gerieten, der das Arbeitsklima massiv bedrohte.

Und auch die Nationalflagge zu hissen ist auch zur WM nicht überall erlaubt. Grundsätzlich gilt: Der Arbeitgeber hat das Recht, die Gestaltung des Betriebes zu bestimmen, von außen wie von innen. Den Arbeitsplatz in den Landesfarben zu flaggen, erfordert die Erlaubnis des Chefs und sei je nach Arbeitsplatz meist unproblematisch. „Wenn das den Betriebsverlauf nicht stört, wird der Arbeitgeber das erlauben müssen – es kommt auf die Verhältnismäßigkeit an“, sagt Rühle. Wird die Flagge dagegen weithin sichtbar aus dem Fenster gehängt, „dann kann es höchst problematisch werden“. Dies könnte das äußere Erscheinungsbild beeinflussen und die Außenwirkung des Unternehmens stören, speziell wenn es sich nur um eine Nationalität handelt.

„Blau machen“ zur WM kann abgestraft werden

 Was ist dagegen in dem Fall, dass sich Mitarbeiter erst gar nicht mit der rechtlichen Lage­ am Arbeitsplatz zur WM auseinandersetzen und die Spiele direkt zu Hause verfolgen wollen? Solange sie Urlaub haben, wäre das kein Thema. Berechtigte Urlaubsansprüche muss der Arbeitgeber beachten und den Urlaub gewähren, „wenn dem keine dringenden betrieblichen Gründe entgegenstehen – natürlich darf sich nicht der gesamte Betrieb entvölkern“, sagt Rühle.

Die Tendenz die Arbeit am Spieltag zu schwänzen, sich grundlos krank zu melden, nehme jedoch gerade zur WM-Zeit zu. ­Etwa in Unternehmen, in denen eine Krankschreibung nicht gleich am ersten Fehltag erforderlich ist. Doch so einfach das erscheinen mag, der Arbeitgeber könnte auch in diesem Fall auf ein ärztliches Attest ab dem ersten Tag bestehen, auch wenn zuvor eine andere Regelung vereinbart war.

Und fliegt der Schwänzer auf, steht er in der Pflicht, auf Nachfrage nachzuweisen, dass er tatsächlich arbeitsunfähig war, was ohne Attest schwierig werden dürfte. Außerdem sei der Arbeitgeber dann berechtigt, den Lohn zu kürzen oder weitergehende Konsequenzen zu ziehen. „Wegen solcher Sachen den Arbeitsplatz zu gefährden ist höchst problematisch“, warnt Rühl.

Arbeitsrechtler Hans Gottlob Rühle. Quelle: Katharina Kaufmann

Sein Fazit: Die Rechte und Pflichten am Arbeitsplatz seien klar geregelt, was jedoch generell nicht bedeute, dass man als Chef nicht auch mal ein Auge zudrücken darf: „Ich rate Arbeitgebern immer, nicht gleich alles zu verbieten und die Kirche im Dorf zu lassen“. Denn es gebe Möglichkeiten beides zu verbinden, WM-Spaß und Betriebsablauf, wenn auch nicht an jedem Arbeitsplatz.

Gelingen könne das etwa durch betriebsinterne Sonderregeln zur WM. Darunter die Absprache zwischen Chef und Mitarbeitern, die Zeit, die man im Büro vor dem Bildschirm verbringt, später nachzuarbeiten. „Wir leben im Land der Vertragsfreiheit – man kann alles regeln“, betont der ehemalige Richter. Ebenfalls könne der Chef auf Gleitzeit setzen oder mit der Belegschaft vereinbaren, dass die WM-Zeit vor dem Bildschirm erlaubt, aber nicht bezahlt wird.

Rühle rät, Absprachen mit der Belegschaft zu treffen

„Wichtig ist, dass eine generelle Regelung getroffen wird“, rät Rühle. Das unter Einbeziehung des Betriebsrates, sofern vorhanden, und ohne, dass andere Mitarbeiter, die kein Interesse am WM-Spiel haben, dadurch gestört oder in ihrem Recht auf Arbeit behindert werden. Dabei gilt: Bei ­betriebsweiter Regelung muss klar eine mündliche Zusage von allen Mitarbeitern kommen, Schweigen sei dabei rechtlich betrachtet nicht als Zustimmung zu werten.

Wenn alle Betroffenen zustimmen, kann dies wiederum dem oft zitierten Betriebsfrieden zuträglich sein. „Jedem Arbeitgeber kann man eigentlich nur empfehlen, mit einer fußballwütigen Belegschaft Absprachen zu treffen“.

von Ina Tannert