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Vorurteile einfach wegspielen

Theater Vorurteile einfach wegspielen

Ihre größte Sorge ist nicht etwa, den Text zu vergessen, sondern unterschätzt zu werden. Die Kinder der integrativen Theatergruppe „Puzzle“ treten am Sonntag um 15 Uhr in der Waggonhalle auf.

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Lampenfieber kennen die Kinder der integrativen Theatergruppe „Puzzle“ nicht. Sie spielen am Sonntag um 15 Uhr in der Waggonhalle „Das singende, klingende Bäumchen“.

Quelle: Marie Schulz

Marburg. Eigentlich sollte Sarah einen Rosenstrauch spielen. Einer, der wunderschön blüht und trotzdem stachelig ist. Aber „eigentlich“, das Wort kann Sarah nicht leiden. Denn sie hat an diesem verregneten Herbstnachmittag „eigentlich“ gar keine Lust. Da hilft auch kein Bitten und Betteln. Sarah will heute lieber Sarah sein. Kein Rosenstrauch, keine Schauspielerin, einfach nur Sarah. Ein zwölfjähriges Mädchen mit lockigen Haaren, neugierigem Blick und Down-Syndrom. Gemeinsam mit 14 weiteren Kindern übt Sarah zweimal wöchentlich für ihren großen Auftritt am Sonntag. Dann nämlich wird die integrative Theatergruppe in der Waggonhalle das Märchen „Das singende, klingende Bäumchen“ auf die Bühne bringen.

Lampenfieber – ein Fremdwort für die jungen Schauspieler. Sie blicken der Aufführung gelassen entgegen. Immerhin sitzen die Kostüme, sind die Aufgaben klar verteilt. Nur Karin Wölfer, Heilerzieherin und Theaterpädagogin, wird bei dem Gedanken an die Premiere leicht hektisch. Und das, obwohl sie gerade Hektik in der Zusammenarbeit mit den Kindern unterdrücken muss. „Ich habe schon Ehrgeiz gemeinsam mit den Kindern eine runde Sache auf die Bühne zu bringen“, bekennt sie. Trotzdem weiß Wölfer: „Ich muss immer das Unerwartete erwarten“. Ein Regiebuch gibt es nicht. Die Abläufe sind grob einstudiert, dazwischen bleibt Platz für Improvisation. „Die Kinder sind spontan. Damit muss man umgehen können“. Flexibilität lautet das Zauberwort. Denn wenn der Rosenstrauch einfach kein Rosenstrauch mehr sein will, der böse Zwerg plötzlich vor Nettigkeit strotzt und die Katze im Übereifer einen Streit mit dem Vogel anfängt, dann sind das für Karin Wölfer nur kleine Planänderungen. Durch ihr Improvisationstalent und ihre selbstverständliche Art, die Mitarbeit und Konzentration jedes einzelnen Akteurs zu fordern, lenkt sie durch das Theaterstück. Einige der Kinder, nicht alle, sind geistig behindert, brauchen mehr Aufmerksamkeit. „Manchmal muss man eben etwas Geduld haben“, weiß Wölfer. Geduld, die belohnt wird. Denn die Stimmung bei den Proben ist ausgelassen. Es wird gelacht, getanzt und immer wieder diskutiert. Denn die Kinder haben durchaus eine eignene Vorstellung von einem gelungenen Theaterstück.

Hier wird noch mal an den Kostümen gebastelt, dort noch einmal einzelne Rollenbilder überarbeitet. Manche sind mit Übereifer dabei, andere ziehen sich in dem Trubel lieber zurück, schließen die Augen für ein paar Sekunden. Jeder in der Gruppe hat sein eigenes Tempo. Und wichtiger noch: Jeder darf sich mit seinem Tempo einbringen. Auch Aylin (12) spielt schon zum zweiten Mal in der integrativen Theatergruppe mit. Die Zwölfjährige ist eine von vier Nachwuchsschauspielern ohne Behinderung. Ihr Umgang mit den anderen Kindern ist weder bemutternd noch belehrend. Er ist selbstverständlich. Durch ihr Spiel schafft sie es immer wieder, die Aufmerksamkeit der Gruppe auf das gemeinsame Ziel zu lenken: Nämlich mächtig viel Theater zu machen.

Genau das haben sich die jungen Schauspieler für Sonntag vorgenommen. Einfach mal zeigen, dass Theaterspielen Freude macht – ob nun mit Behinderung oder ohne. Karin Wölfer hat ein kleines Geheimrezept für den Fall, dass sich doch noch das berühmte Lampenfieber einstellen sollte: Kindersekt (natürlich ohne Alkohol). Der prickelt aufregend und wird in seiner Wirkung oft unterschätzt. Genau wie die Schauspieler der integrativen Theatergruppe. Aber auch dagegen haben die Jungen und Mädchen eine Lösung gefunden: Einfach gegen Vorurteile anspielen. Offensiv und berührend.

von Marie Lisa Schulz

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