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Marburg Sascha Lobo zu Gast in Marburg
Marburg Sascha Lobo zu Gast in Marburg
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14:00 21.02.2019
Der Journalist Sascha Lobo sprach bei der Mitgliederversammlung der Volksbank Mittelhessen vor etwa 1.350 angemeldeten ­Zuhörern über Digitalisierung. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Sascha Lobo hat eine Mission: Er will sein Publikum dazu anregen, sich gründlich mit der Digitalisierung zu beschäftigen. „Ich appelliere an Ihre Mitverantwortung, weil wir aufgeklärte Debatten darüber führen müssen, was die guten und schlechten Seiten einer Technologie sind“, sagt der Blogger und Buchautor mit der extravaganten Frisur. Beide­ Seiten der Digitalisierung beschrieb er am Freitagabend bei der regionalen Mitgliederversammlung der Volksbank Mittelhessen vor etwa 1.350 angemeldeten Zuhörern in der Georg-Gaßmann-Sporthalle. Mit kuriosen und drastischen Beispielen wollte er „Furcht und Faszination“ wecken. Sein Publikum applaudierte begeistert, lachte, staunte und war stellenweise schockiert.

„Wir leben in einer Zeit des exponentiellen Fortschritts“, verdeutlichte Lobo. Erst vor zwölf Jahren, im Jahr 2007, sei mit dem iPhone das erste moderne Smartphone vorgestellt worden. Heute gebe es mehr ­Internetseiten-Aufrufe von mobilen Geräten als von stationären Computern. Doch Deutschland hinkt oft hinterher, wie ­Lobo am Beispiel der Glasfaser-Anschlüsse verdeutlichte. Während im Februar 2018 in den Vereinigten Arabischen Emiraten mehr als 94 Prozent der Bevölkerung Glasfaser-Anschlüsse hatten, waren es in Deutschland 2,3 Prozent. Die Bundesrepublik liegt damit gleichauf mit Angola, aber weit hinter Ländern wie Kasachstan oder Trinidad und Tobago. Dieses „Infrastrukturdebakel“ sei seit 36 Jahren bekannt, sagte Lobo. Laut einem „Spiegel“-Artikel von 1983 habe­ man sich damals in Japan ­gewundert, dass Deutschland noch in Kupferkabel investiere.

"Datenbegeisterung hat keine natürliche Grenze"

Die Aussage von Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU), man brauche den neuen Mobilfunkstandard 5G „nicht an jeder Milchkanne“, kritisierte Lobo scharf. Gerade in der Landwirtschaft sei die ­Digitalisierung unheimlich wichtig: „Ich glaube, 5G ist natürlich an jeder Milchkanne notwendig!“ Auch viele Firmen sind nach Lobos Ansicht nicht auf die rasante Entwicklung eingestellt. Internetseiten seien oft nicht für Smartphone-Nutzer eingerichtet. Und viele Unternehmen seien nicht auf die „digitale Ungeduld“ der Nutzer eingestellt, die erwarteten, dass alles sofort gehe. So brauche er bei seiner Hausbank noch mehr als einen Tag, um Geld auf ein anderes Konto zu übertragen – während Messenger-Dienste das in Sekundenschnelle erledigten.

Die Digitalisierung verändere­ auch das Verhalten der Menschen. Teils auf überraschende­ Weise. So habe die Einführung von kostenlosem WLAN im Nahverkehr einer Stadt dazu ­geführt, dass es in den Bussen keinen Vandalismus mehr gab. Offenbar surften jugendliche Fahrgäste nun im Internet, statt Sitze zu beschädigen.

Lobo warnte aber auch vor Gefahren, die durch die Digitalisierung entstehen. Die „Datenbegeisterung“ vieler Menschen – also ihre Neigung, Daten mit anderen zu teilen – habe „keine natürliche Grenze“. So gebe­ es in den USA eine App, mit der man Informationen über Geschlechtskrankheiten mit Freunden teilen könne. Durch Künstliche Intelligenz könnten aber selbst Daten, die Menschen heute für unwichtig halten, in Zukunft ihr Leben verändern. Als Beispiel nannte Lobo die in sozialen Medien beliebten Essensfotos. Derzeit entwickle Google eine Anwendung, mit der man unter anderem den Nährstoffgehalt von Speisen anhand von Fotos berechnen könne. Daten, die zum Beispiel für eine Krankenversicherung interessant sein könnten. Mit Facebook-Daten lasse sich vorhersagen, ob jemand von Alkohol oder anderen Drogen abhängig sei. In China gebe es sogar schon Versuche, Gedanken von Schülern mithilfe von moderner Technik zu lesen.

"Das digitale Zeitalter mitgestalten"

„Die große Geschwindigkeit der Digitalisierung erfordert ­eine ziemlich schnelle Anpassung an die Welt“, sagte Lobo. Deshalb sei „eine gewisse Angst vor der Digitalisierung eine vernünftige Gefühlsäußerung“. „Abstinenz“ führe aber erst recht dazu, dass man in die Falle tappe, sagte Lobo auf Nachfrage von Volksbank-Vorstandssprecher Peter Hanker. Denn wer sich der digitalen Technik verweigere, sei irgendwann doch gezwungen, sie anzuwenden, ohne sich vorher informiert zu haben. 

„Aus der Ambivalenz des Fortschritts ergibt sich die Verantwortung, dass wir das digitale­ Zeitalter mitgestalten“, resümierte Lobo. „Wir müssen sagen, welchen Teil des Fortschritts wir zulassen wollen und bei welchem wir nein sagen.“

von Stefan Dietrich