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Von der Wiege zur Bahre: eine Frage der Etikette

Hessisches Landestheater Von der Wiege zur Bahre: eine Frage der Etikette

Am Hessischen Landestheater gilt es einen französischen Gegenwartsdramatiker zu entdecken. Alexander Leiffheidt hat einen Monolog von Jean-Luc Lagarce inszeniert.

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Jürgen H. Keuchel (von links), Franziska Knetsch und Tobias M. Walter kennen „Die Regeln der Lebenskunst in der modernen Gesellschaft“ und wissen, wie man eine Hochzeit arrangiert.

Quelle: Haindl

Marburg. Sollte demnächst irgendwer eine Taufe feiern, einen Paten suchen, eine Hochzeit arrangieren oder einen Todesfall begehen müssen, kann er sich vertrauensvoll an Regisseur Leiffheidt oder seine Darsteller Franziska Knetsch, Tobias M. Walter und Jürgen Helmut Keuchel wenden.

Sie sind in der Arbeit an Jean-Luc Lagarces geschliffenem Exkurs über „Die Regeln der Lebenskunst in der modernen Gesellschaft“ zu Experten in Fragen der Etikette geworden.

Lagarce, 1995 im Alter von nur 38 Jahren an Aids gestorben, kennen hierzulande allenfalls Eingeweihte des europäischen Gegenwartstheaters wie Leiffheidt, der schon Sam Holcrofts schrille Gesellschaftsstudie „Solange du lügst“ nach Marburg holte. In Frankreich allerdings ist Lagarce nach Shakespeare (wer sonst) und Molière (selbstverständlich) der meistgespielte Autor.

Leiffheidt hat den Monolog auf drei Rollen verteilt, und damit erst ein Stück daraus gemacht. Er bittet die Zuschauer zu Tisch, möglichst in Abendkleidung, schließlich geht man zu einer Hochzeit oder Beerdigung nicht im Schlabberlook. Die Zuschauer sitzen wie die Darsteller an einer riesigen Tafel (die Tischordnung wird zuvor penibel festgelegt), sind damit Teil dieser ungewöhnlichen Inszenierung und so nah wie selten an den drei mitreißend agierenden Darstellern.

Für die ist es ein hartes Stück Arbeit, am und auf dem Tisch die ungeschriebenen Regeln zu erläutern, die die Welt zusammenhalten, die Lagarce von der Wiege bis zur Bahre in ungemein präziser Sprache geradezu seziert. Es ist ein ungewöhnliches, spannendes und – man glaubt es kaum – ebenso erhellendes wie unterhaltendes Experiment.

Die nächste Aufführung ist am Donnerstag, 15. Dezember um 19.30 Uhr.

von Uwe Badouin

Mehr lesen Sie am Dienstag in der gedruckten OP.

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