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Vom Tabu bis zum Schlachtfeld

Kinder- und Jugendtheatertage Vom Tabu bis zum Schlachtfeld

Schätzungen zufolge wird jede vierte bis fünfte Frau mindestens einmal in ihrem Leben vergewaltigt. Wie viele mögen im Publikum bei „Tabu“ gesessen haben?

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Johanna verursachte einen ordentlichen Tumult im Theater.

Quelle: OP

Marburg. Das Theaterhaus Frankfurt beteiligte sich mit „Tabu“ an der Kinder- und Jugendtheaterwoche: Die 14 jährige Lea lernt übers Internet I-Boy kennen. Ihre Freundin Xenia begleitet sie zu ihrem ersten Treffen. I-Boy und sein Freund Will holen die beiden Mädchen ab und bringen sie in ein Haus. Unbefangen plaudert Lea mit I-Boy und schaut sich um, während Xenia nebenan erst von Will, dann von I-Boy vergewaltigt wird. Xenia schweigt, will nach Hause. Erst später erzählt sie ihrer Freundin und auch ihren Eltern von dem Übergriff.

Das Theaterstück trifft bis ins Mark, es wird eine völlig alltägliche Situation mit Eltern und ihren heranwachsenden Kindern geschildert. Unsagbar harter bricht das zutiefst traumatische Erlebnis in die harmlose Welt, in der morgens beim Aufklärungsunterricht noch mit Kondomen herumgealbert wurde. Lea wird nie vergessen können, was ihr angetan wurde und das sie für immer mit ihrer Sexualität verbinden wird. Der Titel „Tabu“ ist gut gewählt, ein solches Theaterstück berührt ein Tabu, eines der schwersten Verbrechen, über das auch in unserer sexualisierten Welt viel zu selten gesprochen wird und deren Täter meist straffrei bleiben.

Ernst, todernst ging es auch bei „Affenhirn“, dem Beitrag des Jugendtheaters Speyer, zu: Svantes ist tot, er liegt im Sarg in der Kirche. Per und Sixten lümmeln herum, kauen Pizza und eine Tüte M&M‘s. Erst als Regina auftaucht, wird klar: Die beiden haben mitgeholfen, Svante in den Selbstmord zu treiben. Warum? Er kam ihnen „verschwitzt, schuppig und fett“ vor. Dann rutscht Per in die Rolle des Ausgestoßenen. Dass Johanna Holzschwert sich gegen blöde Schulkameradinnen behaupten muss und dabei eine-Scheibe einwirft, ist nur der Aufhänger für eine turbulente und herrlich alberne Geschichte. Hatten die jungen Zuschauer tags zuvor im Theater schon lauthals mitgegrölt und sogar eine Zugabe erklatscht, wurden sie bei den „grandiosen Abenteuer der tapferen Johanna Holzschwert“ mal zu französischen Edelleuten, zwischen denen sich der Thronfolger versteckte, und mal zu englischen Heerscharen.

Die Bühne selbst verwandelte sich nach und nach in ein allerliebstes Chaos. Die jungen Zuschauer waren bald außer Rand und Band ob so viel Frechheit und Unordnung, die von nur vier Schauspieler produziert wurde. Sie schienen über eine, die eine unerschöpfliche Quelle von Requisiten zu verfügen, die von blonden Gretchenzöpfen bis zur Kettenhaube und einem textilen Flammenmeer reichte. Immer wieder fabulierten und spielten sie drauf los, um dann wieder zurückzurudern und neue krude Geschichten zu erzählen. Ein echter Genuss vom Theater Mumpitz aus Nürnberg!

von Christine Krauskopf

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