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Marburg Volksliedhafte Chöre, opernhafte Soli
Marburg Volksliedhafte Chöre, opernhafte Soli
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18:13 01.04.2012
Die Kantorei der Elisabethkirche und der Oberstufenchor der Marburger Waldorfschule führten am Freitagabend unter der Begleitung des Symphonieorchesters Kaliningrad „Stabat Mater“ auf. Quelle: Michael Hoffsteter
Marburg

Bis vor ungefähr zwei Jahren waren die groß besetzten Chorwerke des 19. und 20. Jahrhunderts in Marburg eine Domäne des Konzertchors und der Kurhessischen Kantorei. Seitdem ist auf diesem Gebiet auch mit der Kantorei der Elisabethkirche zu rechnen. Zu verdanken ist dies Kantor Nils Kuppe. Unter seiner Leitung hat sich der Chor kontinuierlich vergrößert von ehedem 30 auf derzeit mehr als 100 Mitglieder. Und er hat sich deutlich verjüngt, wie am Freitag in der Aufführung von Antonin Dvoráks „Stabat Mater“, das die Leiden der Mutter Jesu unter dem Kreuz in ergreifende Töne fasst, nicht nur zu sehen, sondern vor allem zu hören war: Jugendliche Frische bestimmte den homogenen und immer schlanken Klang der 150-köpfigen Gemeinschaft aus Kantorei und Oberstufenchor der Waldorfschule.

Der Chor überzeugte nicht nur mit fein abgestuftem Piano-Singen, das in den oft volksliedhaft-melodienseligen Chorsätzen vorherrscht. Auch die von Dvorák gezielt eingesetzten dramatischen Akzente gelangen, ohne zu forcieren. Und so mühelos, wie die Soprane sich in höchste Höhen aufschwangen, meisterte auch der gesamte Chor die überwältigende A-cappella-Hymne, mit der Dvorák die Verheißung des Paradieses erklingen lässt. Auf diesem klanglich-dynamischen Höhepunkt des „Stabat Mater“ scheint sich der Komponist endgültig die Trauer über den Tod seiner drei Kinder, die Anlass für die Vertonung gewesen war, von der Seele gesungen zu haben.

Als Glücksfall erwies sich die Verpflichtung des Symphonieorchesters Kaliningrad, das unter Kuppes so detailgenauer wie emotionsstarker Leitung überaus kultiviert musizierte: mit seidig glänzenden Streichern und ausdrucksvoll warmen Bläserfarben.

Den Solisten hat Dvorák die dramatisch kontrast-reichsten, manchmal geradezu opernhaften Abschnitte seines „Stabat Mater“ anvertraut. Deshalb war es richtig, dass Kuppe dafür ein Quartett mit Opernerfahrung engagiert hatte - allen voran Johannes An, der am Staatstheater Kassel auch im italienischen Fach gefeiert wird, zuletzt in Giacomo Puccinis „La Bohème“, und in der Elisabethkirche bewies, warum. Denn auch dort überzeugte sein schlanker Tenor mit lyrischem Schmelz und höhensicherer Strahlkraft. Und er harmonierte ideal im Duett mit dem leuchtenden Sopran von Kerstin Bruns, bei der man bedauerte, dass Dvorák für sie kein Solo komponiert hat - anders als für die Altistin.

Ihr hat er mit der Arie „Inflammatus et accensus“, bei der Georg Friedrich Händel Pate gestanden haben könnte, den solistischen Höhepunkt seines „Stabat Mater“ zugedacht. Schade, dass die Wiedergabe unter einer Indisposition von Schirin Partowi litt.

Ein besonders eindrucksvolles Stück ist auch das Bass-Solo „Fac, ut ardeam cor meum“, dem Ulrich Burdack seine so kultivierte wie vor allem auch in der Tiefe sonor-kraftvolle Stimme lieh, weil sich dort die wieder vom Baustaub befreite Orgel klangschön dem Chor und Orchester hinzugesellte.

Am Ende applaudierten die 500 Zuhörer in der ausverkauften Elisabethkirche minutenlang. Und auch vom Orchester gab es Beifall - für den Dirigenten: Bravo, Maestro Kuppe!

von Michael Arndt