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Marburg Was wirklich gegen Rückenschmerzen hilft
Marburg Was wirklich gegen Rückenschmerzen hilft
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00:17 26.12.2018
 „Die umgekehrte Planke“ beim Friseur: Dieses Foto stammt aus dem Buch „Yoga while you wait“ und soll als Übungsanleitung für eine starke Muskulatur und einen entspannten Körper dienen. Quelle: Markus Abele
Marburg

Wenn der Rücken schmerzt, kann das viele Gründe haben. Angefangen mit Muskelverspannungen über einen Hexenschuss bis hin zu Bandscheibenvorfällen, Wirbelkanalverengungen oder rheumatischen Erkrankungen. Es stecken auch schon mal Stress und psychische Probleme dahinter, denn Sorgen sitzen öfters im Kreuz, weiß Dr. Heiko Mewes (48), Neurochirurg am Wirbelsäulenzentrum in Wehrda.

In der Praxis, in der Mewes als einer von mehreren leitenden Ärzten tätig ist, werden alljährlich etwa 10.000 Patienten aufgrund ihrer Rückenschmerzen behandelt – für gut zehn Prozent von ihnen läuft es am Ende auf eine Operation hinaus. „Die Leute werden immer älter – und gerade im Alter lässt sich vieles nur noch durch eine Operation deutlich verbessern, zumal der Anspruch an die eigene Lebensqualität erheblich gewachsen ist“, sagt Mewes.

Schon stramme Spaziergänge können helfen

Doch nicht nur die ältere Generation ist von Rückenschmerzen betroffen. Gerade unter Berufstätigen ist es ein Kreuz mit dem Kreuz. Laut dem Gesundheitsreport 2018 der Deutschen Angestellten-Krankenkasse­ (DAK) sind Rückenschmerzen die zweithäufigste Einzeldiagnose für Krankschreibungen. Hochgerechnet auf die erwerbstätige Bevölkerung gab es dadurch bundesweit rund 35 Millionen Ausfalltage im Job. Jeder siebte Arbeitnehmer hat der DAK zufolge bereits drei Monate oder länger unter Rückenschmerzen gelitten.

Während im DAK-Gesundheitsreport vor 15 Jahren noch 55 Prozent der Berufstätigen angaben, mindestens einmal im Jahr Beschwerden zu haben, waren es in diesem Jahr mit 75 Prozent deutlich mehr Betroffene. 

„90 Prozent der Menschen haben einmal im Leben Probleme mit ihrer Wirbelsäule“, sagt Rückendoktor Mewes (Foto: Carina Becker-Werner). „Am allerwichtigsten ist, dass man versteht, dass der Körper einem gewissen Verschleiß unterliegt – und ein großer Teil unserer Voraussetzungen ist nunmal genetisch festgelegt.“ Will heißen: Wenn es in der Familie schon Bandscheibenvorfälle gab, dann sei das Risiko, dass weitere Familienmitglieder welche bekommen, entsprechend höher.

Dr. Heiko Mewes (48), Neurochirurg am Wirbelsäulenzentrum in Wehrda. Quelle: Carina Becker-Werner

Mancher Leser wird nun schwer schlucken. Doch hält der Rückendoktor auch Positives dagegen: Ein Bandscheibenvorfall, das sei Pech, aber noch lange kein Schicksalsschlag. „Nicht nur der Physiotherapeut und der Arzt können helfen, man kann vor allem viel für sich selbst tun.“ Das klingt vielleicht spektakulärer als es ist, denn für die Rückengesundheit hätten schon regelmäßige stramme Spaziergänge einen großen Nutzen, sagt der Rücken-Doc und gibt weitere alltagstaugliche Tipps:

  • Treppensteigen, wann immer es geht
  • das Auto stehenlassen und möglichst viele Wege zu Fuß einplanen
  • beim Telefonieren im Büro aufstehen und umherlaufen
  • statt zum Telefon zu greifen, für Absprachen persönlich zu den Kollegen gehen
  • durch tägliche Dehnungsübungen für entspannte Muskeln sorgen
  • Schwimmen gehen oder Yoga üben

Anders formuliert: „Man muss keine Sportskanone werden, um den Rücken zu stärken. Jeder sollte aber aktiv werden und den Muskelapparat in Bewegung halten“, betont Mewes. Denn eine starke und geschmeidige Muskulatur sei eine wichtige Voraussetzung, um länger belastbar und beweglich zu bleiben.

Nicht jeder Rückenschmerz muss automatisch ein Fall für den Arzt sein. Die Techniker-Krankenkasse beispielsweise rät, nach drei Tagen einen Mediziner zu Rate zu ziehen, wenn Beschwerden unvermindert andauern. Alarmzeichen, bei denen Betroffene besonders schnell reagieren müssen, sind starke Kreuz- und Beinschmerzen, die mit Lähmungserscheinungen einhergehen. „Dann gilt: Sofort zum Arzt!“, sagt Mewes. Im Umgang mit Rückenbeschwerden rät er zum Ausprobieren. „Dem einen hilft kraniosakrale Therapie, der andere schwört auf klassische Osteopathie – man muss sich einfach mal anschauen, wo man die Entlastung findet, die man braucht.“ Schmerz- und Physiotherapie könnten in akuten Schmerzphasen jedenfalls „sehr sinnvoll“ sein.

Manche Firmen erkennen das Problem

In ihrem Gesundheitsreport 2018 macht die DAK deutlich: An Rückenschmerzen zu leiden oder sich damit krank zu melden hängt von verschiedenen Faktoren ab. Dazu gehörten häufiges Arbeiten in unbequemer Körperhaltung, Termin- und Leistungsdruck sowie eine schlechte Work-Life-Balance.

Tipps gegen Rückenschmerzen, die fast jeder kennt, sind Entspannung, Wärme und Bewegung. Der DAK-Analyse zufolge hilft es jedem zehnten Betroffenen, sich zu schonen. Mehr als 60 Prozent setzen demnach auf Wärme in Form von Heizkissen, Bädern oder Sauna. Mehr als 40 Prozent bewegen sich, beispielsweise bei einem Spaziergang. Und jeder Dritte mache erst mal normal weiter, in dem festen Vertrauen, dass der Rückenschmerz schon wieder verschwindet.

Da Firmen von der wachsenden Zahl an Ausfällen durch Rückenschmerzen in ihren Betriebsabläufen betroffen sind rät Mewes dazu, in die Rückengesundheit der Mitarbeiter zu investieren. Eine aktive Mittagspause mit einem Physiotherapeuten, höhenverstellbare Schreibtische oder Steharbeitsplätze, ergonomisch geformte Stühle, Sitzbälle oder auch Schulungen, in denen Mitarbeiter lernen, ihre Hilfsmittel optimal einzusetzen, seien gute Schritte.

Stress und Rückenschmerz können zusammenhängen

Manche Patienten werden ihre Schmerzen nicht mehr los, obwohl körperlich alles stimmt. „Der Körper baut Stress normalerweise ab. Wenn die Belastungen so groß sind, dass er nicht abgebaut wird, dann kann das auch zu Rückenschmerzen führen“, erklärt Heiko Mewes, der seinen Patienten als Neurochirurg durchaus schon mal zu einem Besuch beim Psychologen rät. „Es ist eine Gratwanderung – manchen Patienten kann man diese Empfehlung geben, anderen nicht.“

Wenn alles nicht hilft und Patienten irgendwann doch erwägen, sich unters Messer zu legen, sei das noch lange kein Grund zur Panik, findet Mewes. „Vor Operationen gibt es viele unnötige Ängste. Oft handelt es sich um Routine-Eingriffe und die Risiken sind kalkulierbar.“ Selbst operieren könne man sich schließlich nicht. „Deshalb am besten nach einem Arzt suchen, dem man auch wirklich vertraut.“

Die Krankenkassen haben Rückenschmerzen längst als Volkskrankheit erkannt und bieten ihren Versicherten verschiedene Kurse an, um Problemen mit der Wirbelsäule vorzubeugen oder um die Situation von Betroffenen zu verbessern. Oftmals übernehmen die auch die Kosten. Es lohnt sich also, bei der Krankenkasse einmal nachzufragen, welche Angebote es gibt und zu schauen, ob für einen selbst etwas Passendes dabei ist.

von Carina Becker-Werner

Literaturtipp: "Yoga while you wait"

Apropos Yoga und gesunder Rücken: „Warten ist ein Geschenk“, findet Buchautorin Judith Stoletzky aus Hamburg. Zusammen mit dem Fotograf Markus Abele ist ihr der Spagat gelungen, durchaus ernst gemeinte Yoga-Übungen für den Alltag skurril und selbstironisch zu präsentieren. Somit ist das Buch „Yoga while you wait“ eine Aufforderung, sich über jeden Stau, jede besetzte Hotline und jede noch so lange Warteschlange an der Supermarktkasse zu freuen. Bus verpasst? Die Verabredung kommt zu spät? Kein Problem, das ist sie, die Zeit für Yoga. ­Judith Stoletzky ist überzeugt: Um Kraft, Gelassenheit und Flexibilität zu üben, braucht man kein Yoga-Studio und keine Yoga-Matte, man braucht auch keine fancy Yoga-Pants. „Alles, was man braucht, ist ganz normaler Alltag und ein wenig schlechtes Timing.“ Wer hätte davon nicht genug?

Das Buch „Yoga while you wait“ ist unter der ISBN 978-3-95453-147-9 für 16 Euro im Buchhandel erhältlich. Das gebundene Buch umfasst 96 Seiten und ist illustriert mit 85 inspirierenden Fotos.