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Vier Stücke, vier Wege zum Theater

Kurzdramenfestival gestartet Vier Stücke, vier Wege zum Theater

Vier Uraufführungen an einem Abend: Am Donnerstag begann das 10. Marburger Kurzdramenfestival in der ausverkauften Waggonhalle. Die Inszenierungen konnten allerdings nicht durchweg überzeugen.

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Auf der Pizza ist es auch gemütlich. In „Nie ist jemand mal jemand“ ging es um das Theater und seine Konzepte. Es spielten: Jessica Dietz, Lea Liepe und Tobias Klös.Foto: Bettina Preussner

Marburg. Der Theaterabend startete mit „Nie ist jemand mal jemand“ von Michael Wolf (Regie: Dvorat Meron). Drei junge Leute hocken auf einer riesigen Pizza, unterhalten sich und machen sich im Plauderton Gedanken über das Theater. Es ging vor allem um Rollen und Identitäten, um Ideen und Konzepte und um Nacktheit auf der Bühne. Das war gut gespielt, insgesamt wirkten das Stück und die Inszenierung aber etwas blutleer. Man hätte sich mehr Aktion auf der Bühne und mehr zündende Spielideen gewünscht.

Viel lebendiger ging es zu in dem quietschbunt inszenierten Stück „Die Fans des Phantoms“ von Stefan Schenkl (Regie: Nick Westbrock). Thema war der stets aktuelle, an Hysterie grenzende Starkult unter Jugendlichen. Da wurde viel geboten fürs Auge: Drei durchgeknallte Teenies fahren Bahn, alle sind schwer verliebt in das Phantom, das alles hat: Ruhm, Geld, gutes Aussehen. Mit ihrem temperamentvollen Spiel hauchten die jungen Darstellerinnen den Figuren viel Leben ein. Ganz nebenbei wurde ein weiteres gesellschaftliches Problem angesprochen: der Alkoholkonsum unter Jugendlichen.

Um Sprachspielereien drehte sich das Kurzdrama „Die Sprache der Enkel“ von Maximilian Lang (Regie: Hauke Meyer). Drei dunkle Gestalten kauern auf einer Bank und denken laut über Gott und die Welt nach: über Liebe und andere Sorgen, über Wärme und Freude und die tote Tante, die sie beerben sollen. Dabei warten sie auf den vierten Erben, der aber nicht erscheint. Es wurde viel geschwiegen auf der gänzlich leeren Bühne, und wenn die Protagonisten redeten, dann in abgehackten, oft recht sinnfreien Sätzen. Die Inszenierung spielte mit den Leerstellen, erinnerte ein wenig an Becketts „Warten auf Godot“ und ließ eine beklemmende Stimmung zurück. Dennoch blieb der Eindruck, man hätte vielleicht etwas mehr aus dem Stück machen können.

Das Kurzdrama „Spektronisch“ von Denis Leifeld wurde von Regisseurin Hauke Meyer sehr spannend in Szene gesetzt. Als genial erwies sich die Idee, die Zuschauerstühle auf der Bühne und im ganzen Raum locker verteilt aufzustellen. So bot sich die Möglichkeit, zwischen den Zuschauern zu agieren und den gesamten Raum der Waggonhalle zu bespielen. Orientierungslos irren ein Mann und eine Frau in einem Techno-Club umher. Wummernde Musik, grelle Lichtorgeln, eine Menschenmasse ohne Gesicht. Die beiden tauschen einen Blick, aber kommen sie sich auch näher? Das Kurzdrama handelte von dem Zwang, immer cool zu bleiben, und von zwei Individuen, die in ihrer Ich-Bezogenheit und Einsamkeit gefangen bleiben.

Am Schluss des abwechslungsreichen Theaterabends gab es viel Applaus für die durchweg jungen Schauspielerinnen und Schauspieler.

Die vier Kurzdramen sind noch heute und am Sonntag jeweils um 20 Uhr in der Waggonhalle zu sehen.

von Bettina Preussner

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