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Marburg Viele Mieter sind stinksauer
Marburg Viele Mieter sind stinksauer
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00:17 16.02.2019
Einige Häuser in der Sudetenstraße sollen zusammen eine zentrale Wärmeerzeugungsanlage erhalten. Quelle: Tobias Hirsch
Richtsberg

Falls die Stimmung am Samstagnachmittag in der Thomaskirche am Richtsberg ein Vorgeschmack auf das war, was sich am Mittwochabend abspielen wird, müssen sich die Vertreter der Wohnbaugesellschaft GWH nicht nur wegen der kühlen Außentemperaturen warm anziehen. Denn viele Mieter sind stinksauer.

Für den 13. Februar ist eine von der GWH organisierte Mieterversammlung in den Räumen des Bewohnernetzwerks für soziale Fragen (BSF) angesetzt, bei der es um die von der Wohnbaugesellschaft geplanten „Modernisierungsmaßnahmen“ gehen soll, die den Ortsbeirat Richtsberg in den vergangenen zwei Wochen bereits zweimal beschäftigten. Die GWH plant die Umstellung von Etagen- auf Fernwärme. Die dazu nötigen Baumaßnahmen sollen bereits im März beginnen und betreffen 400 Wohnungen.

Das Treffen in der Thomaskirche, für das unter anderem Bettina Böttcher – Anwohnerin und für die SPD im Ortsbeirat sowie im Stadtparlament – federführend war, diente dazu, die Mieter zusammenzubringen und sich für den Mittwochabend vorzubereiten und abzustimmen. Die Luft in der Kirche knisterte vor Anspannung und Zorn der Mieter. Es wurde­ schnell klar, dass es um existenzielle Sorgen ging. Die Sorge, dass die Mieter aus den Wohnungen gejagt oder ausziehen müssen, weil sie auf der Mietpreisleiter nicht mehr hinterherkommen, war insbesondere bei den Senioren fast greifbar.

Am Ende der Veranstaltungen waren mehrere großformatige Papiere mit gesammelten Fragen und Forderungen an die GWH vollgeschrieben. Wichtigste Frage: Wie verändern sich die Energiekosten und inwiefern sind die Maßnahmen überhaupt sinnvoll, was hat der Mieter davon? Forderung Nummer eins: Die Energiekosten für die Mieter dürfen nicht steigen.

„Ich habe das für meine Wohnung ausgerechnet und ich bezahle dann 100 Euro mehr an Energiekosten“, sagte eine Anwohnerin verärgert. Die Rechnung konnte sie aufstellen, weil die GWH kurz vor Weihnachten an alle Betroffenen ein Schreiben gesendet hatte, in dem die angebliche Modernisierung angekündigt und zukünftige Energiekosten pro Quadratmeter genannt wurden. Wie die GWH auf diesen Berechnungsschlüssel kommt, ist bisher schleierhaft.

„Energieversorgung kommt Mieter teuer zu stehen“

Und hinsichtlich dieses Schreibens kamen die nächsten Empörungen auf. Bei manchen Mietern sei der Brief überhaupt nicht eingegangen. „Es ist außerdem fraglich, ob die GWH die Mieter überhaupt fristgerecht informiert hat. Kurz vor Weihnachten, wenn viele Leute im Urlaub sind. Dann war bei der GWH im Januar wohl kaum jemand zu erreichen, wenn die Leute Fragen hatten“, erklärte Holger Weege, Anwalt für Verbraucherrecht, der von zwei Mieterinnen eingeladen worden war. „Vor kurzem habe­ ich mir eine neue Küche gekauft. Die muss dann rausgerissen werden. Wer bezahlt dann die Renovierung, wer baut alles wieder ein?“, fragte sich eine Mieterin. Laut GWH werde die Küche im Zuge der Bauarbeiten mehrere Tage lang nicht nutzbar sein.

Bernd Hannemann (Linke), Mitglied des Ortsbeirates, äußerte sich so: „Die Art und Weise der GWH ist einfach intransparent.“ Und fügte hinsichtlich der geplanten Maßnahmen hinzu: „Die Mieter sind besorgt. Auch weil die GWH bei diesen angeblichen Modernisierungsmaßnahmen mit einem privaten Unternehmen, nicht mit den Stadtwerken kooperieren will. Und diese Privatisierung der Energieversorgung kommt den Mieter dann teuer zu stehen während sich die GWH einen schlanken Fuß macht.“

Das sah Böttcher ähnlich. „Seit drei Jahren plant die GWH diese Maßnahmen bereits, ohne dass sie die Bürger oder die Politik einbezogen hat“, ärgerte sie sich. Die Versammlung habe jedoch gezeigt, dass kein Mieter Einzelkämpfer sein muss. Auch wenn es aufgrund der brodelnden Emotionen bisweilen ein wenig ungeordnet zuging und das zweistündige Treffen durchaus länger hätte sein können, resümierte Böttcher. „Menschen mit den gleichen Problemen sind zusammengekommen und haben erkannt, dass es nicht aussichtslos ist, dass man sich vom Vermieter nicht alles gefallen lassen muss. Die GWH hat sicher nicht mit Widerstand gerechnet“, erklärte sie.

Die Mieter einigten sich darauf, bei der GWH bei der Mieterversammlung die Zustimmung zu einem Moratorium – Verschieben der Maßnahmen – zu erreichen, bis alle Unklarheiten aus der Welt geschafft sind.

von Benjamin Kaiser