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Marburg Die „Herzblutrendite“ ist oft zu hoch
Marburg Die „Herzblutrendite“ ist oft zu hoch
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00:16 12.02.2019
Laut den heimischen Kammern stehen alleine im Altkreis Marburg in den kommenden Jahren gut 270 Unternehmen zur Übergabe an – im gesamten Bezirk sind es 4 800. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Wie die Handwerkskammer Kassel und die IHK Kassel-Marburg auf Nachfrage mitteilen, stehen in den kommenden Jahren geschätzt rund 4 800 Unternehmen im Kammerbezirk zur Übernahme an. Bei den Handwerkern ­wären das bis zum Jahr 2026 rund 2 300 Betriebe, im IHK-Bezirk in den nächsten Jahren mehr als 2 500 kleine und mittlere Unternehmen. „Im Altkreis Marburg sind es über 270 Unternehmen – immer mehr Alt-Inhaber von Firmen gehen in den Ruhestand“, berichtet Oskar Edelmann, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Kassel-Marburg.

Betroffen seien davon vor allem die Branchen Groß- und Einzelhandel, gefolgt vom Maschinenbau und Produzenten von Metallerzeugnissen. Viele derzeitige Chefs müssten sich also mit der Nachfolge-Frage befassen – oder sollten es: „Die ersten Schritte, die eigene Nachfolge zu regeln, ­werden aber oft sehr spät begonnen. Um nicht das unternehmerische Lebenswerk zu gefährden, ist es aber notwendig, sich frühzeitig vorzubereiten und zu handeln, viele unterschätzen das“, betont Edelmann. Besagtes Lebenswerk stehe andernfalls auf dem Spiel. Ein möglicher Fallstrick dabei: Erfahrungsgemäß falle es gerade Unternehmensgründern, die ihren Betrieb quasi aus dem Nichts aufgebaut haben, schwer, sich frühzeitig mit der Nachfolge auseinanderzusetzen, gerade weil es um das berufliche Lebenswerk – beziehungsweise dessen Verlust – gehe. Das will man zwar erhalten, schiebt das leidige Thema Nachfolge dennoch nach hinten. Zudem würden die Anforderungen an eine Übergabe oft unterschätzt oder auch der realistische Wert des Betriebs überschätzt: Der häufigste Grund für ein Scheitern der Unternehmensnachfolge ist laut IHK mit 42 Prozent eine zu hohe Kaufpreiserwartung. Denn die Alt-Inhaber schlagen ihre jahrelangen persönlichen Mühen – die sogenannte „Herzblutrendite“ – auf den Preis mit drauf, ohne Berücksichtigung der tatsächlichen Marktchance.

Übernahme wird unterschätzt

Zudem könnten rund 36 Prozent der ­Senior-Unternehmer emotional nicht von ihrem Betrieb loslassen und fürchten den „Machtverlust“. „Gerade die Familie bietet da Konfliktpotenzial – es gibt Fälle, da ist der ­Junior schon 60 Jahre alt, weil der Senior nicht loslassen kann“, erzählt Edelmann. Auf der anderen Seite des Verhandlungstisches unterschätzen wiederum rund 40 Prozent der Übernahmeinteressenten die Anforderungen der Übernahme. Von der Finanzierung, steuerlichen Folgen bis zur persönliche Haftung.

Bei der IHK wie bei der Handwerkskammer gilt bei der Nachfolgeregelung die Faustregel: Der Betriebsinhaber sollte sich „rechtzeitig, also mindestens fünf, besser sogar zehn Jahre vor der Übergabe mit dem Thema zu beschäftigen beginnen“, betont etwa Heinrich Gringel, Präsident der Handwerkskammer Kassel. Andernfalls drohe „der Verlust wertvoller Betriebssubstanz und damit auch der Wegfall von Arbeits- und Ausbildungsplätzen“. Das wiege „gerade vor dem Hintergrund schwer, dass die Übernahme eines eingesessenen Betriebs für junge Meisterinnen und Meister eine ­ausgesprochen attraktive Alter­native zur Gründung und damit eine echte Chance ist“, sagt Gringel.

Käufer haben gute Karten

Einen qualifizierten Nachfolger zu finden werde heute aber zunehmend schwerer, denn die Zahl williger Gründer und ­Käufer sinkt. „Wir haben im ­Vergleich einen deutlichen Überhang an Unternehmern, die einen Nachfolger suchen, und die Schere geht immer weiter auf; wir brauchen mehr qualifizierte Fachkräfte, die einen Betrieb übernehmen“, erklärt Bernd Blumenstein, Abteilungsleiter Betriebsberatung und Unternehmensführung der Handwerkskammer Kassel. Einen Grund sieht er darin, dass es immer weniger Übergaben innerhalb von Unternehmerfamilie gibt. Weiterer Grund sei der Strukturwandel – einerseits werbe die Industrie die gut ausgebildeten Fachkräfte aus dem Handwerk ab, andererseits werden Betriebe immer größer und ziehen sich von den Dörfern zurück, „die Attraktivität kleiner Betriebe sinkt, die sind kaum noch zu vermitteln.“ Dabei hat der in manchen Branchen anhaltende Personalbedarf auch auf die Nachfolge-Praxis Auswirkungen: So komme es vor, dass sich potenzielle Käufer für eine Firmenübernahme interessieren, dabei aber eher ein Auge auf die Fach­kräfte werfen: „Manche übernehmen ganze Betriebe, nur um die Leute zu bekommen“, sagt Blumenstein. Hierbei seien die Auswüchse von demografischem Wandel und dem Mangel an Fachleuten spürbar. Für potenzielle Käufer sei es heute „einfacher geworden, ein Unternehmen zu gründen“, schätzt Meinhard Moog, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Marburg. Denn die Waagschale neige sich zugunsten von neuen Gründern, zumal gebe es heute mehr Mittel zur Existenzförderung und Zuschüsse. Das Thema Betriebsübergabe und wie diese gelingen kann, wird die OP in den kommenden Monaten mit einer Nachfolge-Serie näher beleuchten.

Kontakt

Weitere Informationen zur Nachfolge- und Betriebsberatung der IHK Kassel-Marburg gibt es unter der Nummer 0 64 21 / 96 54 14. Die Betriebsberatung der Handwerkskammer Kassel ist unter 0 56 1 / 7 88 81 50 oder 7 88 81 29 zu erreichen. Aktuelle Übergabe-Angebote oder Kaufinteressen sind auf der Unternehmensnachfolgebörse unter www.nexxt-change.org zu finden.

von Ina Tannert