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Die Tafel will alle versorgen

Verteilen statt vernichten Die Tafel will alle versorgen

Drängelnde und schubsende Migranten wie in der Warteschlange der Tafel in Essen – gibt es das auch in Marburg? Die OP hat nachgefragt.

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„Verteilen statt vernichten“ ist das Motto der Tafel, sagt die Vorsitzende Rita Vaupel (großes Bild rechts). Die Tafel bewahrt unter anderem Backwaren vor der Mülltonne.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. „Die Nationalität unserer Kunden interessiert uns nicht, wir bedienen alle“, sagt die Vorsitzende der Marburger Tafel, Rita Vaupel. Deshalb weiß sie auch gar nicht, wie hoch der Anteil der Migranten unter den Kunden ist.

Im nordrhein-westfälischen Essen war der Anteil seit 2015 auf 75 Prozent gestiegen. Weil es durch Migranten zu Gedrängel und Geschubse in der Warteschlange kam, hatte die Essener Tafel im Dezember beschlossen, keine Migranten mehr als Neukunden aufzunehmen. Rentner und Alleinerziehende fühlten sich abgeschreckt, daher sei der Anteil deutschstämmiger Kunden gesunken, hieß es.

Marburger Tafel erhielt einen Drohbrief

In Marburg werden die ­Lebensmittel nach einem anderen System als in Essen verteilt, sagt Vaupel. Im Halbstunden-Rhythmus können jeweils 20 Personen kommen, um sich ihre Körbe abzuholen. So komme es so gut wie nie zu Warteschlangen.

Eine 34-jährige Marburgerin ist Kundin der Tafel. Sie packt Lebensmittel in einem Vorraum ein. In einer großen Ikea-Tüte verstaut die Frau das Essen. Neben ihr an den Tischen steht eine Handvoll anderer Kunden. Jeder hat genug Platz, um in ­Ruhe zu packen.

Zu den Konflikten bei der Ausgabe in Essen sagt die Marburgerin: „Die Erfahrung kann ich gar nicht bestätigen.“ Von der Entscheidung, Migranten als Neukunden auszuschließen hält sie nichts: „Jeder, der Bedarf hat, sollte unabhängig von Geschlecht, Herkunft und sozialem Status mit Essen versorgt werden.“

"Wir sind nicht für die Grundsicherung da"

Rita Vaupel sagt, es gebe eine Sache, die ihr in der öffentlichen Diskussion bisher zu kurz gekommen sei: „Verteilen statt vernichten – das ist unser Motto.“ Heißt: Die Tafel will mit ihrer Arbeit dazu beitragen, dass Lebensmittel, die noch gut sind, nicht weggeworfen werden. „Wir sind nicht für die Grundsicherung da,“ betont Vaupel.

Der Diskurs habe dazu geführt, dass erstmals eine Drohung an die Einrichtung gegangen sei. Per Post wurde die ­Tafel dazu aufgefordert, keine ­Lebensmittel mehr an Migranten auszugeben.

Da die Bedürftigkeit entscheidet, müssten Kunden diese regelmäßig nachweisen. „Natürlich ist der Anteil an Migranten mit dem Flüchtlingsstrom größer geworden“, sagt Vaupel. Ausgeschlossen würden aber nur die, die sich daneben benommen hätten.

Videoüberwachung soll für Sicherheit sorgen

Mit den Aufzeichnungen einer Videokamera im Vorraum habe­ das Team vor Kurzem jemanden ausfindig machen können, der einem anderen Kunden den Rucksack weggenommen habe. „Ein Syrer mit vier Kindern wurde von einem Nicht-Migranten bestohlen“, sagt Vaupel. Der sei nun ausgeschlossen worden und dürfe auch nie mehr Kunde der Tafel sein.

Gedrängel gebe es deshalb nicht, weil der Vorraum, in dem die Kunden ihre Lebensmittel­ packen können, auch für Wartende genügend Platz biete. Bei der Ausgabestelle in Gladenbach sei das zunächst anders gewesen. „Die Kunden haben auf der Straße Schlange gestanden“, so Vaupel. Dann habe man jedoch neue Räume gefunden, mit einem Vorraum. Manche nutzten diesen Raum auch als Kommunikationsbörse, um sich in ihrer jeweiligen Muttersprache auszutauschen. „Dann müssen wir eingreifen, weil wir den Platz für die nächsten Kunden brauchen“, sagt Vaupel.

Kunden entsorgen Essen in Mülltonnen

Immer wieder bekomme sie mit, wie Kunden Essen in Mülltonnen entsorgen, erzählt die Vorsitzende. Deshalb wolle sie ein neues System einführen. Wie im Supermarkt solle sich in Zukunft jeder aus den Körben zusammensuchen können, was er mag. Denn bisher gebe es in den Paketen auch immer wieder Lebensmittel, die die Kunden nicht essen wollen. Außerdem solle möglichst ab April jeder Kunde dauerhaft wöchentlich kommen können, sagt Vaupel. Denn eine Warteliste gebe es bei der Tafel derzeit nicht mehr. Die Räume sollen dafür durch das Einreißen von Wänden vergrößert werden.

"Hier geht es zivilisiert zu"

Eine Rentnerin aus Ebsdorfergrund, die schon seit fünf Jahren zur Tafel nach Marburg fährt, sagt: „Hier geht es zivilisiert zu. Da fragt eher der eine den anderen: ‚Möchten Sie das haben?‘“ Sie selbst ist keine Kundin, sondern bringt Flüchtlingsfamilien zur Tafel. An diesem Vormittag ist sie mit einem 36-jährigen Mann, der aus Afghanistan stammt, da. „Es ist mein Hobby,­ Flüchtlingen unter die Arme zu greifen“, sagt die Rentnerin. „Ich habe bisher nur gute Erfahrungen mit ihnen gemacht.“

Die Marburgerin, die daneben ihre Lebensmittel einpackt, sagt: „Von vornherein zu selektieren finde ich unmenschlich.“ Es sei wichtig, bei der Neuaufnahme klare Regeln festzusetzen, „mit der Option: Wer sich nicht benimmt, wird rausgekickt.“

Hintergrund
Die Marburger Tafel hat derzeit 2 400 Kunden, die sich ­alle 14 Tage Lebensmittel abholen können. Bisher mussten sie nach zwei Jahren ein Jahr aussetzen, damit andere von der Warteliste zum Zug kommen. Da derzeit aber niemand mehr auf der Warteliste ist, soll sich das System ab April ändern. Dann könnte jeder wöchentlich und dauerhaft kommen.

von Freya Altmüller

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