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Marburg Kleines Profil birgt große Gefahren
Marburg Kleines Profil birgt große Gefahren
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00:18 01.12.2018
Bei solchen Straßenverhältnissen wie hier in Biedenkopf muss das Auto mit Winterreifen ausgestattet sein. Ansonsten drohen empfindliche Bußgelder und Punkte in Flensburg. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Aufgrund der sogenannten situativen Winterreifenpflicht müssen immer geeignete Pneus aufgezogen sein, wenn es die Straßenbedingungen erfordern. Zu solchen Straßenbedingungen zählen Glatteis, Schneeglätte, Schneematsch, Eis oder Reifglätte.

„Wer mit Sommerreifen bei trockenem Winterwetter und trockener Fahrbahn losfährt, der darf das tun. Wird er von Schneefall überrascht, muss er das Auto stehenlassen und darf nicht weiterfahren“, sagt Marburgs Polizeisprecher Martin Ahlich. Wer bei winterlichen Straßenverhältnissen keine vorgeschriebenen Reifen aufgezogen hat, muss mit mindestens 60 Euro Bußgeld und einem Punkt in Flensburg rechnen. „Er muss sein Auto solange stehenlassen, bis die Straßenverhältnisse die Weiterfahrt mit Sommerreifen ermöglichen, oder er muss sich Winterreifen besorgen“, erklärt Ahlich.

Regeln im Ausland

Österreich: Hier gilt nicht nur eine situative Winterreifenpflicht von November bis Mitte April, es gibt auch Vorgaben für die Profiltiefe: 4 Millimeter bei Radial- und 5 Millimeter bei Diagonalreifen müssen es mindestens sein.

Frankreich: In den französischen Hochlagen müssen Urlauber eventuell Schneeketten aufziehen. Dies kann durch Schilder vorgeschrieben werden, erklärt das Zentrum für europäischen Verbraucherschutz. Genügen anstelle der Schneeketten auch Winterreifen, steht auf diesen Schildern folgender Zusatz: „Pneus neige admis“ oder „Pneus hiver admis“. Eine generelle Winterreifenpflicht gilt in Frankreich nicht.

Schweiz: In der Eidgenossenschaft gibt es keine explizite Vorschrift. Wer allerdings auf schneeglatter Straße mit Sommerreifen nicht weiterkommt und den Verkehr behindert, dem droht ein Bußgeld.

Italien: Winterreifen oder Schneeketten können nach Angaben der Verbraucherschützer bei entsprechender Witterung durch Verkehrszeichen vorgeschrieben sein, auf denen der Hinweis „obligo di pneumatici invernali o catene a bordo“, steht. Winterreifenpflicht gilt von Mitte Oktober bis Mitte April im Aosta-Tal. Wichtig für Reisende auf dem Brenner: Auf dieser wichtigen Autobahnverbindung in Südtirol besteht von Mitte November bis Mitte April eine sogenannte Winterausrüstungspflicht. Die wird etwa durch Winterreifen erfüllt.

Zu den aktuellen Regelungen bieten die Verbraucherschützer im Internet für viele europäische Länder eine Übersicht unter der Adresse: www.evz.de. Auch der ADAC stellt online ausführliche Informationen bereit.     

Behindern Autofahrer wegen falscher Bereifung andere, bekommen sie ebenfalls einen Punkt, zahlen aber 80 Euro, nach einem Unfall 120 Euro. Ein Punkt bekommt auch der Halter und muss 75 Euro zahlen, wenn er die Verwendung des Autos zugelassen oder sogar angeordnet hat. Komme es wegen der Benutzung von Sommerreifen zum Unfall, könne dies auch zu erheblichen Leistungskürzungen der Kaskoversicherung führen, warnt der ADAC.

Doch wenn kein grob fahrlässiges Handeln vorlag, muss unter Umständen die Versicherung zahlen. Das lässt sich aus einem Urteil des Amtsgerichts Papenburg ablesen (Az.:  20 C 322/15), auf das die Arbeitsgemeinschaft Verkehrsrecht des Deutschen Anwaltvereins (DAV) hinweist. Ein Autofahrer war frühmorgens von der Straße abgekommen und gegen einen Baum geprallt. Seine Versicherung wollte ihm seinen Schaden nur zur Hälfte erstatten.

Begründung: Der Mann fuhr auf Sommerreifen. Das sah das Gericht anders. Zwar sei es geboten, bei lediglich 1,8 Grad Außentemperatur Winterreifen zu nutzen. Doch an jenem Morgen gab es weder Schnee, Glätte oder Regen. Auch habe der Fahrer unterwegs keine Probleme gehabt und sich nicht grob fahrlässig verhalten. So müsse ihm der volle Betrag ersetzt werden, urteilte das Gericht.

Bei Kauf von Reifen auf 
Alpine-Symbol achten

Generell gilt in Deutschland eine situative Winterreifenpflicht, die sich nicht nach Zeiträumen orientiert. Das heißt, dass Autofahrer auf Winterreifen fahren müssen, wenn es die winterlichen Straßenverhältnisse gebieten, sagt Rechtsanwalt Frank Häcker vom DAV. Laut ADAC hat auch für die Haftpflichtversicherung die Benutzung von Sommerreifen auf Schnee erhebliche Auswirkungen, da es hier zu einer Mithaftung des Geschädigten kommen kann.

Seit Anfang 2018 produzierte Winterreifen müssen das Alpine-Symbol tragen, das ein Bergpiktogramm mit Schneeflocke zeigt. Bis 31. Dezember 2017 hergestellte Reifen nur mit M+S-Symbol dürfen Autofahrer noch bis zum 30. September 2024 als Winterreifen nutzen. „Allerdings sind neue Reifen mit Alpine-Symbol im Gegensatz zu solchen mit M+S-Kennung explizit für winterliche Fähigkeiten standardisiert geprüft worden“, sagt Vincenzo Lucà vom Tüv Süd. Sie erfüllen damit gewisse Mindestanforderungen. „Je nach Lagerung und Zustand dürften nach etwa sechs bis acht Jahren neue Winterreifen fällig werden“, sagt der Experte.

ADAC rät zu Vorsicht bei Ganzjahresreifen

Die Nachfrage nach Ganzjahresreifen ist angestiegen. Zwischenzeitlich lag der Anteil der Ganzjahresreifen an allen verkauften Pkw-Reifen auf über 15 Prozent. Besonders gut geeignet erscheinen sie für kleine, leichte Fahrzeuge. Nachdem 2014 und 2016 die Ganzjahresreifen in den ADAC-Tests noch vielfach mit „ausreichend“ oder „mangelhaft“ bewertet wurden, kamen die Pneus der neueren Generation in diesem Jahr zu besseren Ergebnissen. Etliche Modelle bewältigen den Spagat der kurzen Bremswege sowohl auf Eis und Schnee als auch auf trockener, warmer Fahrbahn. Auf Schnee kann sich der Bremsweg eines Ganzjahresreifens mit dem eines Winterreifens ebenfalls messen.

Der ADAC empfiehlt Ganzjahresreifen nur für Fahrer, die keinen Skiurlaub oder Sommerurlaub im Süden planen. Die jeweiligen Spezialisten – reine Sommer- beziehungsweise Winterreifen – sind laut der Tester immer die bessere Wahl bei extremen Wetterbedingungen. Gut eignen sich Allwetterreifen für Stadtfahrten in gemäßigten Klimaregionen.

von Hartmut Berge
 und unserer Agentur