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Marburg Westumfahrungs-Idee im Kritik-Feuer
Marburg Westumfahrungs-Idee im Kritik-Feuer
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00:21 25.11.2018
Auch um das Dorf Elnhausen soll die Umgehungsstraße verlaufen. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Den Vorschlag der Sozialdemokraten, eine Verbindungsstraße zwischen B 62 bei Sterzhausen und B 255 bei Niederweimar samt mehrerer Ortsumgehungen der westlichen Stadtteile zu schaffen, bezeichnet Lahntals Bürgermeister Manfred Apell (SPD) als „dummes Zeug“. Er glaubt nicht, dass sich dadurch die Verkehrsproblematik der Marburger Innenstadt oder kommender Wohngebiete verbessern lasse. Diese­ Haltung vertreten auch andere, zuletzt kritisierten bereits Ortsvorsteher in den westlichen ­Außenstadtteilen den Bau von Ortsumgehungen zwischen Elnhausen und Dagobertshausen, Hermershausen und Haddamshausen.

In Elnhausen formiert sich nun eine Bürgerinitiative, die sich gegen die Umgehungspläne wendet. Die neue BI sollte gestern während des Ortsbeirates ins Leben gerufen werden. Das Ziel: „Wir wollen die Umgehung von Elnhausen verhindern“, erklärt Birgit Stein, stellvertretende Ortsvorsteherin. Nachdem die Idee bekannt wurde, gab es zunehmend kritische Stimmen aus dem Ort.

Naherholungsgebiet würde wegfallen

Alleine was Eingriffe in die Landschaft angeht: Für die westlich des Ortes geplante Umgehung stände nur wenig Platz zur Verfügung, der zudem nah an den Ort heranreiche, ein Stück weiter westlich fange schon das FFH-Gebiet an. Nur dazwischen liege „ein schmaler Streifen“, der in der Route auftaucht. „Das Naherholungsgebiet dazwischen würde wegfallen, das Fledermausreservat wäre bedroht – viele Dinge würden dem zum Opfer fallen“, schätzt Stein.

Die kommende BI wundere sich zudem, dass die Idee anscheinend „schon weit fortgeschritten ist und hohe Priorität hat“. Denn das Vorhaben soll nach einer Machbarkeitsstudie in den Regionalplan Mittelhessen aufgenommen werden. Das klinge zumindest „wie ein konkreter Schritt – das geht zu schnell, da wollen wir gegenhalten“, sagt Stein.

BI sieht keinen Nutzen in der Westumgehung

Initiiert wurde die neue BI von mehreren Elnhäusern, „die das Ganze nicht auf die leichte Schulter nehmen wollen.“ Sie sehen keinen Nutzen in der Westumgehung und dem Ausbau der Straßen, der den befürchteten massiven Eingriff in die Natur rechtfertigen würde. Der Verlust von Flächen, sowohl von Natur wie auch landwirtschaftlichen Nutzflächen wäre groß, bei vergleichsweise geringem Nutzen, findet die BI. „Wir würden das ganze Umfeld opfern, der Preis ist viel zu hoch – Elnhausen braucht keine Umgehungsstraße“, sagt Stein.

Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) und Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU) bezeichneten den „Allnatalweg“ angesichts des „bevorstehenden und anhaltenden Wachstums“ der Universitätsstadt zuletzt als „eine mittelfristige Lösung für weniger Verkehr in den betroffenen Gebieten“ (Spies) und als „eine Möglichkeit der Entlastung für die gesamte Stadt“ (Stötzel).

Kritiker sehen keine Verkehrsentlastung

Die Linken im Stadtparlament werfen SPD und Magistrat indes „verkehrspolitische Konzeptionslosigkeit“ vor. Die Verbindungsstraße seine eine „Abkehr von Versuchen“, Autos in der Stadt durch Nahverkehrsangebote zurückzudrängen. Neue Straßen entlasteten nicht, sie zögen eher mehr Verkehr an. Es sei „ein Trugschluss“, dass Millionenprojekte im Straßenbau innerstädtischen Verkehr vermeiden. Die Umgehung zwischen Sterzhausen und Görzhäuser Hof sei mit demselben Ansatz gebaut worden – „mit  der Folge, dass dennoch die Verkehrsbelastung in der Ketzerbach und der Marbach immer weiter zunimmt“, sagt Hennig Köster, Stadtverordneter.

Es dränge sich der Verdacht auf, dass die „verkehrspolitische Wende zurück in die Steinzeit“ der SPD vor allem dazu dienen soll, „Druck aus dem Kessel“ rund um die Wohngebiets-Diskussion zu nehmen. Der Westumgehungs-Vorschlag solle dazu dienen, Zeit zu gewinnen, es sei angesichts der bestehenden Lärm- und Schadstoffbelastung der Bewohner und Verkehrsteilnehmer die „Legitimation für das weitere Hände in den Schoß legen“, sagt Köster.

Durchfahrtsverbot für Lkw bleibt Thema

Schon zu Jahresbeginn hatten die Linken vergeblich nach einem Lkw-Fahrverbot zwischen dem Hauptbahnhof und der Marbach verlangt. Fahrzeuge über 3,5 Tonnen, der regelmäßige Lkw-Durchgangsverkehr sollten laut eines von SPD, BfM und CDU abgelehnten Antrags nicht mehr über die westliche Bahnhofstraße – von der Abbiegung Robert-Koch-Straße bis zur Einmündung Elisabethstraße beziehungsweise Wehrdaer Weg – der Elisabethstraße, im Pilgrimstein und in der Ketzerbach fahren dürfen.

„Der Schwerlastverkehr wird mit Sicherheit nach der Erweiterung der Behring-Nachfolge­betriebe am Görzhäuser Hof noch weiter zunehmen“, heißt es von den Linken in dem Antrag. Dem Gebiet „droht der Verkehrsinfarkt“. Die ausgebaute B 62 über Sterzhausen, Michelbach und den Michelbacher Kreisel werde  „kaum angenommen“ und stattdessen die Verbindung über die Nordstadt – Bahnhofstraße, Elisabethstraße­ und Ketzerbach – zum Behringstandort genommen.

Verkehr nimmt weiter zu

Seit Jahren klagen Anwohner speziell im Bereich zwischen Elisabethstraße, Ketzerbach und Emil-von-Behring-Straße­ über eine ständige Verkehrszunahme samt Schadstoffbelastung – speziell durch steigenden Schwerlastverkehr. Bereits vor fast 25 Jahren ermittelte ein Gutachten, dass die Ketzerbach, die Straße an der er wohnt, eine der mit bis zu 19 000 Autos pro Tag meistbelastetsten­ der Stadt ist.

Die Ketzerbachgesellschaft hat daher kürzlich neben der Westumfahrungs-Idee zwischen B 62 und B 255 auch kurzfristige Veränderungen wie eine Tonnenlast-Beschränkung rund um die Ketzerbach angeregt. Schon vor Monaten gab es seitens der Stadtspitze zudem die Ankündigung, dass die Anfahrtsrouten in Navigationsgeräten in Richtung Marbach und Görzhäuser Hof geändert werden sollen. Bisher vergeblich.

von Björn Wisker
und Ina Tannert

Die mögliche Westumfahrung steht in der Kritik. Die gestrichelten Linien stellen die von der SPD vorgeschlagenen Umgehungsstraßen dar. Grafik: Günther Körtner