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Verdrängen, vergessen, verleugnen

Christoph Sieber im KFZ Verdrängen, vergessen, verleugnen

Er ist einer, der sich nicht gewöhnen will. Dem intelligente Socken suspekt sind. Und einer, dem Ahle Wurscht schon das Leben gerettet hat. Christoph Sieber gab sich die Ehre.

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Christoph Sieber, seit 19. Januar 47 Jahre alt, gab ein erneutes Gastspiel im Marburger KFZ.

Quelle: Nadja Schwarzwäller

Marburg. Die Bäckerei Häberle in Laiblingen hat einen „Wischelbloer“ (bitte laut aussprechen) in der Backstube. Oder, wie man es in Laiblingen vielleicht eher versteht: „Mir hän die Kacke am Dampfen“.

Deutschland hat einen demo­grafischen Faktor. Das Totschlagargument schlechthin. Und wir alle haben Prä-Diabetes. Eine Krankheit, die es gar nicht gibt. Wenn es eine Meisterschaft im Ad-absurdum-Führen gäbe, Christoph Sieber wäre der Medaillenkandidat.

„Hoffnungslos optimistisch“ ist er und mit diesem Programm bereits nun zum zweiten Mal zu Gast beim Marburger Kabarettherbst gewesen.

Mehr als 300 Zuschauer kamen zur Neuauflage seines Auftritts von 2015 ins KFZ. Die „Jahr­hunderthalle“ von Marburg, wie Sieber kommentierte. „Ein Hexenkessel.“ Mal wieder. Im Programm habe er gelesen, er hätte „Antworten auf die relevanten Fragen“. Aber nein, sorry, wie schon beim ersten Mal gab er sofort zu: „Ich hab zwei Jahre recherchiert und nix gefunden“. Besser allerdings, man glaubt ihm nicht alles. Was er dem Publikum sogar explizit rät. Denn was er gefunden hat, das ist so einiges.

"Europa ist im Arsch"

Zum Beispiel, dass Algorithmen strunzdoof sind. Damit lässt sich die Welt auch nicht besser verstehen, wir können uns nur genauer irren. Oder dass das größte Talent, das man dem Nachwuchs mitgeben kann, der Geldbeutel ist. Menschen aus den unteren sozialen Schichten sind dicker, verletzen sich häufiger und sterben im Schnitt zehn Jahre früher. Die Bildungsrepublik Deutschland ist ein Märchen.

Und seien wir ehrlich: Wenn beim Metzger eine Sau reinkommt, da wird nicht lange massiert. Kein Wunder, dass in Deutschland so viel operiert wird wie sonst nirgends in Europa. Überhaupt, Europa. „Europa ist im Arsch, hingerichtet von der EU“, diagnostiziert der mehrfach preisgekrönte Kabarettist.

Und auch wenn das vielleicht den meisten zu konkret sein dürfte: Um die Klimaziele zu erreichen, müssen wir alle weniger fliegen, weniger Auto fahren und weniger Fleisch essen.

Antreten beim ESC geplant

Aber wie an vielen anderen Stellen auch spielt die Realität für die Überlegungen - gerade in der Politik - längst keine Rolle mehr. Also: „Verdrängen, vergessen, verleugnen“. Ein Song, mit dem Sieber beim ESC antreten will.

Mut zur Albernheit beweist er auch, wenn er zum Gesetz der Straße (Kehrwoche!) rappt, als reicher Erbe Klaus-Dieter erläutert, dass die Armutsdiskussion völlig falsch geführt wird, oder eben einen Abstecher in die Stadthalle Laiblingen zur Bäckerei Häberle macht. Wo der „double flip coffee flavoured fair trade Macchiato“ Einzug gehalten hat, aber auf der Betriebsversammlung besprochen werden muss, dass die Brezelknetfläche und die Hörnchen­wickelmaschine in der Backstube die Seiten wechseln sollen. Aber Hauptsache, das Feindbild stimmt und ein Sündenbock ist da.

Ist es nicht symptomatisch, dass die Menschen, denen wir unser Geld anvertrauen, mehr verdienen als die, denen wir unsere Kinder anvertrauen? Nein, Christoph Sieber will sich nicht gewöhnen.

So lautet auch seine Zugabe. Er ist ein Kabarettist mit Sendungsbewusstsein. Das längst nicht am Bühnenrand endet. Wer seine CDs und DVDs erwerben möchte, erklärt er am Schluss der Show, der unterstützt damit (und zwar mit dem kompletten Erlös) das Projekt „Liveboat“ - ein gecharterter ehemaliger Rettungskreuzer, der Flüchtlingen auf dem Mittelmeer zu Hilfe kommt.

von Nadja Schwarzwäller

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