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Marburg Urteil nach Messerstecherei in Flüchtlings-Unterkunft
Marburg Urteil nach Messerstecherei in Flüchtlings-Unterkunft
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09:01 27.05.2018
Symbolfoto zum Urteil nach einer Messerstecherei in Flüchtlings-Unterkunft. Quelle: Karl-Josef Hildenbrand
Marburg

Zwei wesentliche Versionen standen sich gegenüber und damit die Rechtsfolgen Körperverletzung und Notwehr. Die Staatsanwaltschaft plädierte: „Der Zweifelssatz muss zugunsten der Angeklagten angewandt werden.“ Das Gericht unter Vorsitz von Dirk-Uwe Schauß sprach alle drei Angeklagten frei – sie erhalten Entschädigungen für die Untersuchungshaft.

Dass die Auseinandersetzung im Bus vom Südbahnhof angefangen hatte, bestätigte­ die Fahrerin. Der 22-jährige ­Angeklagte habe laut mit dem ­Geschädigten gestritten. Jedoch war es nach Aussage eines 24-jährigen Zeugen der Geschädigte, der angesetzt habe, den Angeklagten zu schlagen.

Als später in der Asylbewerberunterkunft fünf Männer, darunter die drei Angeklagten, im Zimmer des 21-Jährigen gerade Karten spielten, habe sich der Geschädigte mit einem ­befreundeten Zeugen genähert. Dieser habe sich vor die Tür gestellt, um eine weitere Auseinandersetzung zu verhindern. Doch jetzt soll es der 23-jährige Geschädigte gewesen sein, der sich gewaltsam zum Zimmer Zutritt verschafft hatte und auf den 22-jährigen Angeklagten losging.

War es nun Körperverletzung oder Notwehr?

Als bei der weiteren Rangelei der Geschädigte und der 20-jährige Angeklagte zu Fall gekommen waren, soll der Geschädigte mehrfach auf den Angeklagten eingeschlagen haben.

Dass der gesondert verfolgte­ Mittäter auf den Geschädigten­ viermal eingestochen hat, ist auch nach diesem Verhandlungstag unumstritten. Dabei habe er nach Aussage des medizinischen Sachverständigen Peter Trageser auch den 20-jährigen Angeklagten getroffen.

Aber war die Auseinandersetzung nun Körperverletzung oder Notwehr? Einige Zeugen­ der Hauptverhandlung, die das Geschehen in anderen Versionen geschildert hatten, waren­ damit von ihren Aussagen in den damaligen polizeilichen Vernehmungen abgewichen. Auf Nachfragen der Verteidiger­ hatten sie dies immer wieder mit „Dolmetscherfehlern“ in der Vernehmung erklärt.

Für die Staatsanwaltschaft sprach dennoch einiges für die Version der ersten Verhandlung, die „detailliert“ und von mehreren Zeugen „übereinstimmend“ vorgetragen wurde.

„Im Zweifel für die Angeklagten“ musste es nach Meinung der Ankläger dennoch heißen. Nach Ansicht der Verteidiger sei der Zweifelssatz noch nicht mal anzuwenden: „Der Geschädigte wütete und schnaubte den ganzen Abend“, plädierte Verteidiger Peter Thiel. Der Geschädigte sei wohl „wie Rambo ins Zimmer gestürmt“, beschrieb es Verteidiger Konrad Becke.

von Beatrix Achinger