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Marburg Unnötige Hektik beim Dirigieren
Marburg Unnötige Hektik beim Dirigieren
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17:56 16.04.2012
Die Cappella Istropolitana musizierte am Sonntag unter der Leitung des Pianisten Christoph Soldan beim Konzertverein in der Marburger Stadthalle.Foto: Michael Hoffsteter Quelle: Michael Hoffsteter
Marburg

Wolfgang Amadeus Mozart hat die meisten seiner Klavierkonzerte selbst uraufgeführt, auch die beiden Werke, mit denen Christoph Soldan am Sonntag zum ersten Mal in Marburg zu hören war. Allerdings hat Mozart das B-Dur-Konzert KV 456 ursprünglich für die blinde Pianistin Maria Theresia Paradis komponiert, die Protagonistin in Alissa Walsers 2010 erschienenem Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“. Paradis wollte mit dem B-Dur-Konzert in Paris gastieren, was den französischen Tonfall erklärt. Am Ende aber hat es der Komponist selbst aus der Taufe gehoben - in Wien, wie auch das ebenfalls 1784 entstandene F-Dur-Konzert KV 459.

Zeitgenössische Berichte beschreiben ihn als einen Pianisten der leisen Nuancen, der beim Spiel eine ruhige, fast starre Körperhaltung einnahm. Das Orchester dürfte er vom Klavier aus mit wenigen Hand- und Kopfbewegungen geleitet haben - auch in den Vor- und Zwischenspielen, wie es bis heute bei Klaviersolisten und Dirigenten in Personalunion Brauch ist.

Soldan allerdings dirigierte die Introduktionen und Ritornelle im Stehen, überdies mit viel zu großen Gesten und unnötigem Tänzeln. Der hektische Wechsel vom Klavierhocker hinter den Flügel und zurück, dazu die im Trend liegenden schnellen Tempi schlugen sich im B-Dur-Konzert negativ nieder in Soldans Spielweise, wovon zu viele Ungenauigkeiten in den Läufen und Verzierungen zeugten. Kein Wunder, dass der Applaus der 550 Zuhörer kurz ausfiel.

Anders als nach dem F-Dur-Konzert, mit dessen Wiedergabe Soldan das Publikum versöhnte - zumal dieses intimer als das B-Dur-Konzert angelegte Werk weniger Gelegenheit zum Aufstehen bietet.

Der somit deutlich ruhiger und konzentrierter wirkende Pianist ließ ein fein konturiertes Mozart-Spiel hören: vom unbeschwert federnden Marsch des Kopfsatzes über das delikat ausgesponnene Allegretto bis zum hinreißenden Opera-buffa-Finale. Und setzte dieses perlende und nuancenreiche Musizieren fort in den drei Zugaben: dem F-Dur-Andante für eine Orgelwalze KV 616, dem Finale aus der Es-Dur-Sonate KV 282 und dem C-Dur-Adagio für Glasharmonika KV 356.

Auch ohne die anfeuernden Gesten des Pianisten hätte die Cappella Istropolitana ihn ohne Probleme begleitet, da die entscheidenden Impulse vom Konzertmeister kamen.

Wie schon bei seiner Konzertverein-Premiere vor anderthalb Jahren schenkte das Spiel des Kammerorchesters aus der slowakischen Hauptstadt Bratislava dem Marburger Publikum das reinste Mozart-Glück, nicht nur im kammermusikalisch ausgefeilten und von den exzellenten Holzbläsern angeführten Dialog mit Soldan, sondern vor allem in der ohne Dirigenten musizierten B-Dur-Sinfonie KV 319 aus Mozarts Salzburger Zeit, in der sich bereits der Meister der „Jupiter“-Sinfonie ankündigt.

n Der Konzertverein beendet die Spielzeit am Dienstag, 24. April. Ab 20 Uhr musiziert in der Stadthalle die Württembergische Philharmonie Sinfonien von Haydn und Schubert, begleitet zudem den Weltklasse-Trompeter Gábor Boldoczki in einem Paradestück, dem Es-Dur-Konzert von Johann Nepomuk Hummel.

von Michael Arndt

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