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Marburg Uni-Klinikum ist überregionaler Vorreiter
Marburg Uni-Klinikum ist überregionaler Vorreiter
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00:17 28.11.2018
Rettungsassistenten liefern eine Notfallpatientin auf einer Trage in ein Krankenhaus ein.  Quelle: Stephan Jansen
Marburg

Bernd S. war gerade aus einem Ostsee-Kurzurlaub wieder zuhause in Caldern angekommen. Er ­setzte sich abends auf die Couch und wollte eine Quizsendung im Fernsehen schauen, als seine Frau rausging, um die Hühner einzusperren. Nach nur wenigen Minuten kam sie zurück und fand ihren Mann sabbernd mit schiefer Gesichtshälfte und einem gelähmten Arm wieder.

Dann ging alles ganz schnell. Der gerufene Sohn, der nebenan wohnt, alarmierte den Rettungsdienst, der innerhalb weniger Minuten vor Ort war. Noch während des Telefonats hatte die Rettungsleitstelle durch gezielte Fragen herausgefunden, dass es sich um einen Schlaganfall handelte. „Ich kann mich an nichts mehr erinnern“, sagt Bernd S. heute, gut zwei Monate später. Er soll wirr gesprochen haben und wollte nicht in den Rettungswagen.

Im Universitätsklinikum in Marburg erwartete ihn schon das Spezialteam, welches durch den eingeleiteten Stroke-Alarm in Bereitschaft versetzt ­wurde. Dieser Alarm wird durch die ­Besatzung des Rettungswagens ausgelöst.

Durch das Ivena-
System erhält die Klinik nun alle relevanten Informationen und kennt beim Eintreffen des Patienten schon den Namen, welche Medikamente gegeben wurden und wie sein Zustand ist.

„Als Herr S. die Notaufnahme erreichte, wussten wir bereits, dass er halbseitig gelähmt ist und nicht mehr sprechen konnte. Sein Sichtfeld war stark eingeschränkt und es lief Flüssigkeit aus dem gelähmten Mundwinkel“, erinnert sich Prof. Dr. Lars Timmermann, Direktor der Klinik für Neurologie.

Das Notfallteam stand im Schockraum Drei, ein speziell für die Schlaganfallpatienten präparierter Raum, parat und begann sofort mit der weiteren Versorgung. 
Innerhalb von 20 Minuten nach der Übergabe vom Notarzt stand die Diagnose fest: Schlaganfall, ausgelöst durch ein Blutgerinnsel im Gehirn. Sofort wurde mit der Lyse-Therapie, ­also dem Auflösen des Gerinnsels 
mit Blutverdünner, begonnen.

„Mit jedem Pulsschlag wird der Thrombus, also das Blutgerinnsel, tiefer in die Gefäße gehämmert. Nach etwa zehn Minuten reagiert das Gehirn, nach zwei bis drei Stunden kommt es zu irreparablen Schäden, weil die Gefäße und Bereiche, die hinter dem Gerinnsel liegen, nicht mehr mit Blut und Sauerstoff versorgt werden“, erklärt der Klinikdirektor.

Sein Team überprüft mit einem CT, ob sich der Thrombus im Gehirn von Herrn S. auflöst. Als dies nicht der Fall ist, leiten sie sofort eine ­Thrombektomie ein. „Wir haben immer einen Spezialisten vor Ort. Interventionelle Neuro-Radiologen sind speziell ausgebildete Röntgenärzte, die das Gerinnsel entfernen“, beschreibt Lars Timmermann ein Verfahren, das in Marburg 2017 etwa 100 Menschen das Leben gerettet hat. Weil auf den Lahnbergen ­immer ein Neuro-Radiologe vor Ort ist, werden auch Patienten aus Frankfurt und Umgebung in die Lahnstadt geflogen, um hier operiert zu werden.

Dummy-Training

Nach einer Stunde im Klinikum lag Bernd S. im Operationssaal. Über die Leiste ­wurde ein Draht bis hinter das Gerinnsel geführt und dieses mit einem kleinen Schirmchen aus dem Gehirn den gleichen Weg zurück herausgezogen. „Der Thrombus sieht fast so aus wie ein mehrere Millimeter großer Wattwurm“, erklärt Lars Timmermann. „Und dieser ‚Wattwurm‘ sorgt für Trouble im Gehirn“, fügt er noch hinzu.

Durch die schnelle und korrekte Versorgung im Uni­versitätsklinikum hat Bernd S. keine Langzeitschäden zurückbehalten. Als er nach der OP aufgewacht war, war seine Lähmung weg, er konnte sich problemlos bewegen und auch wieder sprechen.

Bei weiteren Untersuchungen wurde herausgefunden, dass er eine verengte Halsschlagader hat. Diese wurde neun Tage nach dem Schlaganfall bei einer weiteren Operation geweitet. Der Patient lag mit einem gelben Quietsche­entchen in der Hand im OP-Saal. „Geht es Ihnen gut?“, fragte der behandelnde Arzt.

Bernd S. ließ das Entchen zwei Mal quietschen – ja, es ging ihm gut. „Haben Sie Schmerzen?“ Bernd S. drückt das Tierchen nur einmal und signalisierte damit ein leichtes Schmerzempfinden. „Unglaublich! Ich bin an der Halsschlagader bei vollem ­Bewusstsein operiert worden“, kann der Caldener es auch Wochen nach dem Eingriff noch nicht glauben, was ihm widerfahren ist.

Keine Folgeschäden

Bereits nach zwei Wochen konnte er die Klinik auf den Lahnbergen wieder verlassen und seine Rehabilitation in Bad Wildungen antreten. Dort wurde schnell festgestellt, dass er weder Logopädie noch andere spezielle Therapien ­benötigte. Bernd S. hatte seinen Schlaganfall ohne Folgeschäden überstanden.

„Ich bin in der Reha sogar schon wieder Fahrrad gefahren.“ Vor ein paar Tagen hat er mit dem E-Bike sogar den heimischen Rimberg erklommen. „Mir geht es gut“, sagt der 77-Jährige. Sein Sohn hat ihm erst kürzlich gesagt: „Vater, wie ich dich da auf der Couch gesehen habe, ich dachte, du wirst nichts mehr.“ „Das gibt einem schon zu denken“, sagt Bernd S. nachdenklich.

Fast 1  000 Schlaganfallpatienten versorgt das Team um Lars Timmermann pro Jahr. Junge hochmotivierte Ärzte, Schwestern und Pfleger halten ihr Wissen mit wöchentlichen internen Fortbildungen auf dem neuesten Stand. Um die Behandlungszeiten, speziell die Laufwege, noch weiter zu optimieren, gibt es Dummy-Trainings, die akribisch ausgewertet werden.

In Mittelhessen ist Marburg das Schlaganfallzentrum, das im Rahmen des Marburger Schlaganfall-Netzwerkes einen Verbund mit anderen Akut- und Rehakliniken sowie niedergelassenen Kardiologen ins Leben gerufen hat. „Ein Hirn kann man nicht transplantieren“, sagt der Klinikdirektor.

Bernd S. verbringt jetzt wieder viel Zeit mit seinen Pferden. Bis 2017 hatte er jedes Jahr sein goldenes Sportabzeichen abgelegt. „In diesem Jahr mach ich mal eine Pause“, sagt er mit einem Augenzwinkern und ist froh, dass es ihm nach drei Monaten so gut geht.

Schlaganfallversorgung

Das Marburger Universitäts­klinikum hat in den letzten zwei Jahren zahlreiche Maßnahmen durchgeführt, um Verbesserungen zu erreichen:

  • Abstimmung mit Rettungsdiensten, Schulungen der Notärzte, Implementierung der neuen Beurteilungsskalen (Fast score) auf allen Notarztwagen der Region.
  • 2017 erneute Zertifizierung 
als überregionale Stroke Unit und aktivstes hessisches Thrombektomie-Zentrum.
  • Seit Anfang 2018 Anschluss an das hessenweite Ivena-System (webbasierter Interdisziplinärer Versorgungsnachweis).
  • Bei Verdacht auf einen Schlaganfall wird über den Rettungsdienst ein „Stroke-Alarm“ im Uniklinikum ausgelöst. Damit stehen der Spezial-Arzt und sein geschultes Personal beim Eintreffen des Patienten im Schockraum bereit.
  • In der Ausbildungsklinik finden wöchentlich klinikinterne Fortbildungen statt, beispielsweise durch Dummy-Trainings, um die Zeiten bis zur Lyse-
Therapie (dem Auflösen eines Blutgerinnsels) zu verbessern. Es steht ständig ein qualifiziertes Lyse-Team zur Verfügung, das sich um die akuten Schlaganfälle kümmert.
  • Es gibt ein lückenloses Qualitätsmanagement im Verbund mit anderen hessischen neurologischen Kliniken.
  • Im Rahmen des Marburger Schlaganfall-Netzwerkes (Mars) gibt es einen Verbund mit anderen Akut- und Rehakliniken sowie niedergelasse­nen Ärzten, die an gemeinsamen Fortbildungen für die Verbesserung der Patientenversorgung arbeiten.

Quelle: Universitätsklinikum Marburg     

von Katja Peters