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Marburg Uni-Präsidentin fordert: Intellektuelle Leistungen mehr würdigen
Marburg Uni-Präsidentin fordert: Intellektuelle Leistungen mehr würdigen
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00:18 25.07.2018
Die Marburger Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause verlangt Aufklärung in der Diskussion über Artikel für Online-Organe des von Indien aus operierenden Wissenschaftsverlages „OMICS“. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Die Online-Organe, die in den Fokus der Kritik geraten sind, verlangen nach dem etablierten­ „Open Access“-Prinzip Geld von den Autoren für die Veröffentlichung, stellen dann aber die Inhalte Allen kostenlos zur Verfügung. Das Problem bei den „Raubzeitschriften“ ist aber, dass die unabhängige Begutachtung durch Experten wohl oft nur auf dem Papier steht.

Uni-Präsidentin ­Professorin Katharina Krausewill nach der gestrigen Presseveröffentlichung im SZ-Magazin erkunden, inwieweit auch Marburger Wissenschaftler in den „Scheinzeitschriften“ publiziert haben. Die Recherche gestalte sich aber schwierig, da es eine lange Liste von Journalen gebe, bei der man nicht ohne Weiteres  Angaben zur Uni-Zugehörigkeit der Wissenschaftler erhalte, so Krause. Jedoch wurde das Präsidium bisher zumindest im Fall von „OMICS“, einem der beiden weltweit größten Verlage für „Fake Journals“ in 14 Fällen fündig.

Nach Kenntnis Krauses ­ publizierten diese Wissenschaftler im Zeitraum seit 2010 bei „OMICS“. Die Uni-Spitze will jetzt mehr darüber wissen und schrieb daher alle diese Forscher an mit der Bitte, sich jeweils zu den genaueren Umständen der Veröffentlichung zu äußern.

Die Marburger Uni-Präsidentin machte deutlich, dass in all diesen Fällen nicht wegen des Verdachts auf wissenschaftliches Fehlverhalten ermittelt werde. „Man kann als Forscher publizieren, was man will. Man sollte allerdings sorgsam darüber berichten, was man macht“, meint Krause.

"Nicht alles ist gefälscht"

Generell sagte Krause, dass es genauso gute Artikel in weniger guten Journalen geben könne wie auch schlechte Artikel in guten Journalen publiziert würden: „Nicht alles, was in den ­sogenannten Scheinjournalen ­publiziert wird, ist gefälscht.“ Jedoch gebe­ es eine klare Übereinkunft der Wissenschaftler an der Uni Marburg, dass die Publikation in den jetzt im Fokus stehenden „Fake Journals“, bei denen trotz gegenteiliger Behauptungen auf eine Vorab-Begutachtung durch Fachkollegen (peer-review) verzichtet werde, für wesentliche­ Karriereschritte keine Rolle spiele.

In einem Einzelfall hat die Präsidentin bereits Rückmeldung von einem Marburger Forscher erhalten, der 2010/2011 in „OMICS“ publiziert habe. Damals habe es aber dort noch „peer-review-Verfahren“ gegeben, sagte Krause. Nach ihrer Kenntnis habe sich bei den fraglichen Konzernen ihr betrügerisches Geschäftsmodell erst allmählich und gewissermaßen im Nachhinein entwickelt.

Unabhängig von dem jetzt in der Süddeutschen Zeitung ­beschriebenen grundsätzlichen System der unseriösen Publikationsorgane sieht die Marburger  Uni-Präsidentin im Hinter­grund auch noch ein aus ihrer Sicht viel gravierendes Problem im „überhitzten“ Wissenschaftssystem. „Es wird zu viel zu schnell publiziert“, meint sie. Generell empfiehlt sie den Wissenschaftlern, sich verstärkt auf die wirklich wichtigen Publikationen zu konzentrieren.

In diese Richtung bewegt sich auch eine von der Uni-Leitung eingesetzte Arbeitsgruppe, die Regeln für eine Bewertung von neu zu berufenden Professoren ausarbeiten soll. Nicht mehr die  Quantität – also eine möglichst hohe Anzahl an Publikationen – solle bei Berufungsverfahren künftig eine ausschlaggebende Rolle spielen, kündigte Krause an. Stattdessen solle es darum gehen, vermehrt wegweisende Zukunftsideen und intellektuelle Leistung zu würdigen.

Diese neue Akzentuierung könne allerdings auch bedeuten, dass Gutachter in solchen Verfahren künftig anders arbeiten müssten.

von Manfred Hitzeroth