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Marburg Und wenn sie nicht gestorben sind …
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19:37 02.08.2011
Philipp Mosetter (links) und Michael Quast fühlten sich wohl vor dem roten Vorhang im Cineplex. Zwei Stunden lang bespaßten sie das Publikum mit Märchen der Brüder Grimm. Quelle: Kathrin Wollenschläger

Marburg. Wer kennt sie nicht, die vielen fantasievollen wie lehrreichen Geschichten der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm: Ob „Hänsel und Gretel“, „Schneewittchen“ oder „Rapunzel“, ihre Märchen sprudeln nur so vor wundersamen Begegnungen, unglaublichem Zauber sowie Helden, Riesen, Guten und Bösen.

Doch da gibt es noch etwas anderes, bisher Unbeachtetes: das Märchen als Abbild der Psyche. Darauf richteten die Kabarettisten Michael Quast und Philipp Mosetter im Rahmen des Mittelhessischen Kultursommers ihr Augenmerk.

Die Grimmschen Märchen kommen keineswegs nur friedlich daher, sondern sind vor allem das, was ihr Name verspricht: grimmig, oft sogar sehr grimmig. Kein Wunder also, dass sich bei Geschichtenlesern eine Grimmsche Kammer voller Wut und Zorn einnistet, die unaufhaltsam Seelenleben und Alltag vergiftet.

Da stellte sich den Kabarettisten die Frage: Wie infiziert ist Marburg? In einer Stichprobe gaben Zuschauer ihr Lieblingsmärchen preis, Strichlisten wuchsen, Quersummen resultierten und fest stand: Mit „Die beiden Wanderer“ ist in der Marburger Grimmschen Kammer eine besonders grimmige Geschichte verankert.

Das Resultat der Forschung von Quast und Mosetter kommt für alle Zuschauer ein wenig überraschend, hat doch niemand dieses Märchen als sein liebstes angegeben. Doch da ließ der charmante Besserwisser Mosetter keinen Widerspruch gelten, so dass Quast umgehend die Erzählung zückte und für eine detaillierte Analyse der Marburger Psyche zu lesen begann.

Ob ein Fliegenschwarm, ein Mann am Galgen, ein Dialekt sprechender Schneider oder ein Storch, Quast lieh allem und jedem seine Stimme, ganz zur Freude des Publikums. Für zusätzliche Lacher sorgten die beständigen Unterbrechungen von Mosetter, der erheiternde Anekdoten aus seinem Leben oder dem der Grimmschen Brüder zu erzählen wusste.

Beinahe traurig schienen die rund 200 Besucher, als sich die Matinee dem Ende zuneigte. Mit minutenlangem Applaus drückten sie ihre Begeisterung für die knapp zweistündige Darbietung aus, forderten lautstark eine Zugabe und wurden erhört: Bis zum Schluss hatte sich Mosetter erfolgreich dagegen gewehrt, doch endlich war es so weit – Quast mimte unter großem Gelächter das sich im Uhrenschrank vor dem bösen Wolf versteckende Geißlein.

Liebhaber deutscher traditioneller Märchen, schwungvoller Lesungen sowie augenzwinkernden, oftmals trockenen Humors kamen bei der Vorstellung des Erfolgsgespanns Quast/Mosetter voll auf ihre Kosten. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann bespaßen sie die Menschen noch heute …

von Kathrin Wollenschläger

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