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Umjubeltes Fest für Belcanto-Fans

Opern-Premiere in Gießen Umjubeltes Fest für Belcanto-Fans

Wer die Belcanto-Meisterwerke Rossinis, Bellinis und Donizettis liebt, wird auch von Pacinis "Maria Tudor" begeistert sein. Zumal wenn die 1843 uraufgeführte Oper so mitreißend gesungen wird wie in Gießen.

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Maria (Giuseppina Piunti) wirft ihrem Günstling Fenimoore (Leonardo Ferrando) Untreue vor. Foto: Rolf K. Wegst

Quelle: rolf k. wegst

Gießen. Opernfans kennen sich aus. Ihnen braucht man nicht zu erklären, aus welchem Meisterwerk jener Liebesbrief stammt, den Regisseur Joachim Rathke zu Beginn das Waisenmädchen Clotilde schreiben lässt. Es ist der Text von Gildas Arie "Caro nome" (Teurer Name) aus Giuseppe Verdis "Rigoletto" (1851), der bedeutendsten aller Opern nach einem Drama von Victor Hugo. Der Franzose hat auch die Vorlage für Giovanni Pacinis "Maria Tudor" geliefert. Und tatsächlich ähnelt Clotilde in ihrer kindlichen Unschuld der zum ersten Mal verliebten Tochter des Hofnarren Rigoletto, wie auch der um sie werbende Schwerenöter Fenimoore ein Verwandter des leichtfertigen Herzogs von Mantua ist.

Weil sich die englische Königin Maria von Fenimoore betrogen glaubt, schickt sie ihn aufs Schafott. Doch ihre Liebe ist größer als ihr Hass, und sie versucht den Verführer zu retten, indem sie einen anderen opfert: Clotildes Ziehvater und Verlobten Ernesto. Dem politischen Ränkespiel am Hof muss sich jedoch auch die Königin beugen. Ihr Günstling wird geköpft, Clotilde und Ernesto finden wieder zueinander - und Maria? Die sucht Halt in der Religion: Einem Racheengel gleich vernichtet sie mit dem Schwert in der Rechten und der Bibel in der Linken ihren Insektenstaat, während der wabenähnlich gestaltete Palast in Flammen aufzugehen scheint. Dieses von Rathke atemberaubend inszenierte Schlussbild verweist auf die historische Maria Tudor, die wegen ihres Inquisitionseifers "Bloody Mary" genannt wurde.

Liebe, Eifersucht, Hass und Intrige - das alles hat Pacini packend und abwechslungsreich in Töne gesetzt, indem er sich der musikalischen Sprache Rossinis, Bellinis und Donizettis bedient, ohne freilich deren melodisches Genie zu erreichen. Wie seine Vorbilder stellt er an die Sänger höchste Ansprüche, denen das Ensemble der umjubelten deutschen Erstaufführung am Stadttheater Gießen in hohem Maße gerecht wird. Giuseppina Piunti singt eine glutvolle Königin, ihr geschmeidig und facettenreich geführter Mezzosopran wirkt nur in der Extremhöhe etwas angestrengt und auch die Koloraturen gelingen ihr nicht mit jener Eloquenz und Leichtigkeit, die Maria Chulkovas mädchenhafter, an Zwischentönen reicher Sopran als Clotilde an den Tag legt. Leonardo Ferrando meistert mit seinem schlanken Tenor mühelos die unangenehm hoch notierte Partie des Fenimoore, begeistert zudem mit allen Feinheiten der Belcanto-Kunst wie dem bruchlosen An- und Abschwellen eines Tons auf dem selben Atem. Adrian Gans lässt als Ernesto seinen machtvollen Bariton samtig strömen, fühlt sich aber am wohlsten, wenn er ihn in der Höhe groß aufmachen kann.

Eraldo Salmieri atmet ideal mit den Sängern, widmet sich mit dem Orchester hingebungsvoll den instrumentatorischen Feinheiten wie einem bestrickend schönen Klarinettensolo und weiß das dramatische Feuer in den Arien- und Aktschlüssen, wo Pacinis besondere Stärken liegen, effektvoll anzuheizen - unterstützt vom kraftvoll auftrumpfenden Chor in der Einstudierung von Jan Hoffmann.

n Weitere Aufführungen: 29. März, 8. und 28. April, 17. Mai und 7. Juni jeweils ab 19.30 Uhr. Karten unter Telefon 06 41 / 79 57 - 60 (oder: - 61).

von Michael Arndt

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