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Marburg Stadthalle zehn Millionen Euro teurer
Marburg Stadthalle zehn Millionen Euro teurer
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00:53 24.12.2018
Der Umbau der Stadthalle hat rund 15 Millionen Euro mehr gekostet als ursprünglich veranschlagt wurde. Die Zahl der Besucher nimmt unterdessen zu. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Die Kosten für den Stadthallen-Umbau sind aktuell mit 38,4 Millionen Euro angegeben – vor sechs Jahren freigegeben waren 28,7 Millionen Euro. In der Ursprungsplanung war gar von einer Größenordnung von rund 20 Millionen Euro die Rede. Jedoch ist es entgegen der jüngsten Abrechnungsübersicht, die alle bezahlten Rechnungen bis Ende August dieses Jahres beinhaltet, nicht bei dieser Kostensteigerung um etwa zehn Millionen Euro geblieben. Vielmehr kommen bei den Baukosten fünfeinhalb Millionen Euro hinzu, die nicht Teil der offiziellen Kostenfeststellung sind. Damit sind die Gesamtkosten um weitere rund 600.000 Euro auf 43,9 Millionen Euro gestiegen – zuletzt ging man von 43,3 Millionen aus.

Größte Brocken bei den Baukosten sind der Umbau des Vorplatzes mit mehr als 2,2 Millionen Euro, die Einrichtung des Gastronomiebetriebs mit 700.000 Euro und die Photovoltaikanlage mit 470.050 Euro. Das geht bereits aus einer Anfrage des Stadtverordneten Hermann Uchtmann (FDP/MBL) aus dem Jahr 2016 hervor.

Verantwortlich für die auch in der jüngsten Kostenfeststellung erfassten Mehrkosten in Millionenhöhe sind, neben grundsätzlich gestiegenen Baupreisen, vor allem:

  • Höherwertigere Saalbestuhlung
  • Erneuerung Bühnentechnik
  • Erneuerung von Teilen der Lüftungsanlagen
  • Geothermie-Anlage für Kälte- und Wärmeerzeugung mittels Wärmepumpe
  • Verwendung von LED-Leuchtmitteln und zusätzlichen Leuchten
  • Sicherheitsfunkanlage für die Feuerwehr

„Zwischenzeitlich sah es mit den Zahlen noch dunkler aus“, sagt Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD). Er verweist auf Prognosen, wonach im schlimmsten Fall sogar alleine bei den in die Kostenfeststellung integrierten Aspekten auch 40,2 Millionen hätten herauskommen können.

FDP sieht mehr als lässigen Umgang mit Steuergeld

Konkret: Dass die Stadthalle­ nochmal zwei Millionen Euro mehr gekostet hätte. Die Stadtspitze setzt zudem darauf, dass die Stadt Marburg wegen „Schlechtleistung“ einzelner Firmen einen hohen sechsstelligen Betrag, rund 870.000 Euro vor Gericht zugesprochen bekommen könnte – was die Summe der derzeit noch offenen Rechnungen von etwa 760.000 Euro mehr als decken würde. 

„Die Aufgabe hat sich vergrößert, die heutige Stadthalle ist nicht mehr dasselbe Projekt wie damals, es ist nicht mehr die ­Ursprungsplanung. Die meisten Mehrkosten sind eigentlich eine Wertsteigerung“, sagt Randolph Petrowitz vom Projektsteuerungsbüro Drees & Sommer, das von der Stadt mit der Projektbegleitung beauftragt ist. Er verweist auf mehrere Nachrüstungen wie etwa bei der Bühnentechnik. Ziehe man diese „inhaltlichen Verbesserungen“ ab, seien es nur 4,5 statt zehn Millionen zusätzliche Euro.

Der SPD-Stadtverordnete Gerald Weidemann stützt die Argumentation: „Weil die Stadthalle besser geworden ist, mehr bietet, kostet sie logischerweise auch mehr.“ Die FDP sieht das anders: „Millionen-Mehrkosten, die wegen teurer Extrawünsche entstehen, werden jetzt als Wertsteigerung getarnt. Man wusste doch vorher, dass vieles von der alten Substanz – von Sitzen bis Technik – nicht weiter verwendbar sein wird“, sagt Hanke Bokelmann, Stadtverordneter. Vielmehr habe die Stadt Vorhaben integriert, die so ursprünglich nicht vorgesehen gewesen seien. „Hier wurde mehr als nur lässig mit Steuergeld umgegangen.“

Belegungszahl knackt wohl die 90.000er-Marke

Auch SPD-Stadtverordneter Dominic Dehmel erkennt „nicht in allen Kostenposten etwas wertsteigerndes“ und verweist etwa auf die nachträglich eingebaute Feuerwehr-Sicherheitsanlage. Grundsätzliche Einschätzung des Magistrats: Die Kostensteigerung bewege sich in der Größenordnung von zehn bis 15 Prozent, die für „Unvorhergesehenes“ empfohlen wurde. Und laut Spies zeigten die Belegungszahlen, dass die modernisierte Stadthalle „sehr gut angenommen“ werde und sich „das Großprojekt absolut gelohnt“ habe.

Stadthallen-Chefin Karin Stichnothe-Botschafter präsentiert Zahlen: Schon im vergangenen Jahr seien es 89.000 Besucher gewesen, im laufenden Jahr werde das „nochmal deutlich getoppt“ – und sowieso gebe es bei den Besucherzahlen noch Luft nach oben, da bisher manche technischen Probleme Veranstaltungen verhinderten. Aktuell gebe es bereits viele Saal-Buchungen für das Jahr 2021.

Etwa die Hälfte aller Stadthallen-Einnahmen entstehen demnach „real“ – bedeutet: über externe Buchungen. Die anderen 50 Prozent seien Verrechnungen, also etwa Nutzer wie das Hessische Landestheater, die als staatliche Einrichtung für keine echten städtischen Einnahmen sorgen.

von Björn Wisker

Wer ist eigentlich Erwin Piscator?

Erwin Piscator, dessen Namen die Marburger Stadthalle trägt, ist vielen ebenso unbekannt wie sein Marburg-Bezug. Der 1893 in Ulm geborene Piscator war ein Theaterintendant, Regisseur und Theaterpädagoge. Das Zentrum seines Wirkens war politisches Theater. In Marburg, am Hirschberg lebte­ er in seiner Jugend, vom Jahr 1899 bis 1913. Zwischen 1951 und 1962 hatte er in der Stadt zudem eine Schaffensperiode als Gastregisseur. Inszenierungen: Nathan der Weise, Die Hexenjagd, Die Eingeschlossenen und Dantons Tod.