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Tragödie im Gewand der Komödie

Tragödie im Gewand der Komödie

Das Daumendrücken hat geholfen: Rechtzeitig zur Premiere von Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ am Donnerstagabend auf dem Marktplatz klarte der Himmel auf.

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Im „Kaufmann von Venedig“ rollen Gondeln über den Marktplatz. Nerissa (Viktoria Schmidt) und Porzia (Franziska Knetsch (linkes Bild) warten auf die Prinzen. Shylock (Jürgen Helmut Keuchel) gibt seinem Diener Lanzelot (Sebastian Muskalla) Anweisungen.Foto

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Es ist ein schwieriges Stück, dieser „Kaufmann von Venedig“ von William Shakespeare (1564 - 1616). Und es ist eines der großen Dramen des größten Dramatikers der Literaturgeschichte. Shakespeare hat sein Stück als Komödie bezeichnet, aber man kann es in seiner Vieldeutigkeit sehr wohl auch als düstere Tragödie sehen.

Regisseurin Ursula Maria Berzborn und ihr Team vom Berliner Grotest Maru haben den „Kaufmann“ stark gekürzt, betonen mit Mitteln des Straßentheaters die komischen, die bunten Aspekte und bieten eine überwiegend unterhaltsame Inszenierung. Tolle Kostüme mit wehenden Mänteln, Dreispitz und Stulpenstiefeln, rollende Gondeln, rot-weiß geringelte Stangen und Masken für die Zuschauer als Verweise auf das romantische Venedig unterstreichen den Straßentheater-Charakter ebenso wie das mit bunten Kissen und Markisen ausgestattete rollende „Schloss“ von Belmont und eine Seilakrobatik von Paulina Almeida.

Aus dem spielfreudigen Ensemble ragen Jürgen Helmut Keuchel, der trotz der wesentlichen Kürzungen souverän den Geldverleiher Shylock gibt, und Franziska Knetsch als kluge und tricksende Porzia heraus. Beide haben eine unglaubliche Präsenz. Sehr witzige, wenn auch bisweilen etwas hektische Auftritte hat auch Sebastian Muskalla als Diener.

Die Tragik des Juden Shylock (Jürgen Helmut Keuchel) bleibt aber auf der Strecke, weil er in dieser Version gar kein Jude ist, sondern „nur“ ein Geldverleiher. Shakespeares Verweise auf Juden und Christen wurden gestrichen. Der große Shylock-Monolog hängt dadurch im luftleeren Raum: „Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht?“ Diese Anklage aus dem Mund eines Bankers, wie man neudeutsch sagt?

 

Das Stück pendelt zwischen Tragödie und Komödie: Shylock will Rache für all den Hass, der ihm entgegenschlägt, Rache für die Verführung seiner Tochter Jessica (Paula Almeida), die mit Lorenzo (Martin Maecker) durchgebrannt ist und ihn auch noch bestohlen hat. Selbst hasserfüllt will er Altes Testament, Auge um Auge, Zahn um Zahn und besteht deshalb auf Einlösung des Vertrags: Er hat seinem Konkurrenten, dem Kaufmann Antonio (Oliver Schulz) 3000 Dukaten geliehen. Der hat sie an seinen Freund Bassanio (Stefan A. Piskorz) weitergereicht, der um die ebenso bezaubernde wie reiche Porzia (Franziska Knetsch) werben will. Wenn Antonio das Geld nicht rechtzeitig zurückzahlt, darf Shylock ein Pfund Fleisch „nächst dem Herzen“ aus dessen Körper schneiden. Das alles ist Tragödie - ebenso wie das Ende, bei dem Shylock alles verliert.

Die Szenen in Belmont, im Reich der schönen Porzia dagen sind eine klassische Komödie: Regisseurin Berzborn und ihr Bühnenbildner Torsten Holger Schlopsnies lassen die kluge Porzia und ihre vier Begleiterinnen im Belmont-Mobil vorfahren zum Prinzen-Casting. Denn Porzia darf nur den heiraten, der das richtige Kästchen öffnet. Die eitlen, dummen, geldgierigen Prinzen lassen nicht auf sich warten und werden von Porzia mit schönen Popsongs in die Wüste geschickt: „Es ist nicht alles Gold, was gleißt.“

Gespielt wird in der Mitte des Marktplatzes - auch das ein Mittel des Straßentheaters. Beim klassischen Straßentheater stehen die Zuschauer und bewegen sich. Im Marburger „Kaufmann“ dagegen sitzen sie auf einer Tribüne vor dem Rathaus und auf Stuhlreihen am oberen Ende des Platzes. Das Manko: Manchen Zuschauern wurde bei der Premiere durch das Belmont-Mobil die Sicht genommen, die Zuschauer in den hinteren Reihen der Tribüne sahen oft nur Stangen oder Hüte. Beide Probleme sollen behoben werden, hieß es gestern im Theater. Auch der Ton dürfte etwas lauter ausgesteuert werden wegen der Hintergrundgeräusche aus umliegenden Gasthäusern und Gassen.

von Uwe Badouin

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