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Marburg „Trachten sind Botschafter für die Region“
Marburg „Trachten sind Botschafter für die Region“
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13:36 28.03.2018
Die Marburger Evangelische Tracht ist Tracht des Jahres 2018 und wurde im Vila Vita Rosenpark mit einer Modenschau präsentiert. Quelle: Ina Tannert
Marburg

Von der „Betzel“ bis zum „Zwickelstrumpf“ – farbenfroh und modisch ging es zu während der Bundesgeneralversammlung des Deutschen Trachtenverbands. Das lag an Dutzenden traditionell gewandeten Trachtenträgern, die am Wochenende Marburg bevölkerten.

Aus ganz Deutschland waren rund 100 Delegierte der verschiedenen Landesverbände angereist, die sich unter dem Dach des Deutschen Trachtenverbands tummeln. Ein Höhepunkt des Jahrestreffens im Hotel Vila Vita Rosenpark war die Verkündung der Tracht des Jahres 2018. Diesen Titel kann sich nun die Marburger Evangelische Tracht auf die Fahne – oder eher auf Leibchen und Rock – schreiben.

Während der Verleihung überreichte Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) der Hessischen Vereinigung für Tanz- und Trachtenpflege (HVT) Urkunde und Auszeichnung. Die traditionelle Tracht gehöre auch in der modernen Zeit fest zu Hessen, „wir sind nicht nur das waldreichste, sondern auch das trachtenreichste Bundesland“, sagte Bouffier.

Dabei sei das Marburger Land als Versammlungsort wie Titelträger der Tracht des Jahres mit seiner reichen protestantischen Geschichte prädestiniert. Die Stadt Marburg sei „eine unserer Perlen“, im Landkreis habe die Trachtenpflege eine lange Tradition.

Wurde diese früher noch als „etwas rührselig und rückwirkend“ betrachtet, habe sich ihr Status gewandelt: „Sie marschieren an der Spitze des Fortschritts“, berief sich Bouffier auf eine „beispielhafte gegenläufige Entwicklung“ in einer zunehmend schnelllebigen Zeit, die Tradition und Rückbesinnung einen neuen Stellenwert gebe.

Globalisierung und Digitalisierung stehe „eine wesentliche Gegenbewegung“ gegenüber, eine wachsende Bedeutung des Heimatbegriffs und „Suche nach Orientierung – die Menschen suchen nach einem Anker, und das tun sie in ihrer Heimat“. Ein wertvoller Teil davon seien Tanz und Trachtenpflege, „das ist Tradition, eine lebendige Auslebung unserer Kultur und ein Teil von uns“, so der Landeschef.

Marburger Tracht entstand wohl im 17. Jahrhundert

Dieses traditionelle Kulturgut zu jedem Anlass, von der Festtracht bis zur Trauertracht, wurde am Wochenende auch auf besonders farbenfrohe Art präsentiert: Bunte Motive bot die Modenschau der prämierten Marburger Evangelischen Tracht, die 16 Trachtenträger am Samstag dem Publikum vorführten und am Sonntag in voller „Montur“ durch Cappel zum Gottesdienst zogen.

Die Marburger Tracht entstand vermutlich im 17. Jahrhundert, verbreitete sich vom Südkreis her in den evangelischen Dörfern im Landkreis und wurde bis ins 20 Jahrhundert hinein mehrfach modernisiert. Früher ging es noch besonders bunt zu, im 19. Jahrhundert wurden noch dicke Beiderwand- und Biberröcke oder bunt gestrickte „Zwickelstrümpfe“ getragen. Später kamen feine Tuch-, Seiden- und Baumwollstoffe in Mode.

Die Männer kamen vor allem in schwarz-weiß daher, trugen früher noch große Schnabelhüte, Westen und Hosen wie Jacken aus braunem Leder. Nicht nur Bayern trugen und tragen traditionell „Lederhosn“, das taten auch die Hessen. Bis in die 1940er Jahre hinein kleideten sich die Herren in Samt- oder Brokatwesten, Leinenhemden, garniert mit schwarzen Seidenhalstüchern. Zum Tanz wurde später ebenfalls der bekannte blaue Hessenkittel samt „Glockebetzel“ als Mütze getragen.

Bei der Frauentracht sind grüne, blaue oder schwarze Stoffe bestimmend, die mit anderen Farben, reichen Stickereien und Borten kombiniert werden, vor allem typisch bei der bäuerlichen Oberschicht. Hervorstechendes Merkmal sind bei den Damen neben den bauschigen Röcken mit bis zu fünf Lagen die obligatorischen „Stülpchen“ oder „Betzel“, unter dem die Haartracht samt „Schnatz“ getragen wird.

Das gesamte bunte Ensemble wurde im laufe der Zeit auf ein einheitliches Erscheinungsbild mit gedeckten Farben abgestimmt.

Trachten sterben immer mehr aus

Einfluss auf die modische Entwicklung hatten auch Kriege und magere Zeiten, in denen für die Tracht jene Materialien genutzt wurden, die überhaupt erhältlich waren. „An einer Tracht kann man die Zeitgeschichte ablesen, es ist ein schützenswertes Kulturerbe. Trachten sind Botschafter für die Region“, berichtete Jürgen Homberger von der Hessischen Volkstanzgilde, der die Marburger Tracht vorstellte.

Noch in die 1970er Jahre hinein war diese „ein selbstverständliches Bild in der Stadt“, das heute immer mehr aussterbe. Gab es früher noch rund 20 000 Trachtenträger im Landkreis, haben sich heute nur noch knapp 30 Frauen dieser Tradition verschrieben. Mit dieser gehe stets der Wille zum Erhalt des Brauchtums wie eines Heimatbegriffs einher, „wir tragen unsere Heimat, unseren Heimatstolz auf der Haut“, sagte Knut Kreuch, Präsident des Deutschen Trachtenverbands. Er lobte die Gastgeber des Trachtentages und die Stadt als trachten-freundliche Region, „das Marburger Land ist eine Hochburg der Tracht“, so Kreuch.

Am Sonntag endete das bunte Trachten-Treffen mit dem Besuch des Gottesdienstes in der Evangelischen Kirche in Cappel. Mit einem bunten Marsch in besonders festlicher Sonntagstracht vom Hotel Carle aus zogen die Delegierten pfeifend durch die Straßen und erregten Aufmerksamkeit unter den Cappelanern, die mit Handy und Kamera den farbenfrohen Zug verfolgten.

Der Deutsche Trachtentag fand zum dritten mal in Marburg statt. „Es ist sehr gut gelaufen, viele sind gekommen, es gab eine schöne Stadtführung und gute Versammlung – wir sind sehr zufrieden“, zog Reiner Sauer, HVT-Landesgeschäftsführer, ein positives Resümee vom Wochenende.

von Ina Tannert