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Marburg "Die Verwandlung": Eine Neuinterpretation
Marburg "Die Verwandlung": Eine Neuinterpretation
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00:20 29.11.2018
Jorien Gradenwitz (von links), Saskia Boden-Dilling, Stefan Piskorz, Mechthild Grabner (verdeckt) und Zenzi Huber in einer Szene aus „Die Verwandlung“. Quelle: Arne Landwehr
Marburg

„Was ist mit mir geschehen?“, fragt sich Gregor Samsa eines Morgens, als er sich nicht aus dem Bett bewegen kann. Es ist schon viel zu spät, längst müsste er seinen Pflichten nachgehen, in einem Zug sitzen und irgendwo in der Ferne Stoffe verkaufen. Doch er kann nicht aufstehen. „Die Verwandlung“ hindert ihn.

Vater, Mutter, Schwester werden nervös, denn Gregor Samsa verdient das Geld, das sie am Leben erhält. Pflichtbewusst war Samsa, keinen Tag hat er gefehlt, seit Jahren nicht, obwohl ihm die Arbeit und sein Chef zuwider sind. Doch jetzt verwandelt er sich – in ein Ungeziefer.

70-seitige Erzählung

1912 schrieb Franz Kafka (1883 bis 1924) die etwa 70-seitige Erzählung „Die Verwandlung“. 29 Jahre alt war er, und immer wieder arbeitete sich der Autor, dessen Werke zum Kanon der Weltliteratur zählen, an seinem despotischen Vater ab. Der kommt auch in „Die Verwandlung“ nicht gut weg. Er lässt seinen Sohn erbarmungslos für seine Schulden schuften, verrät ihm nicht, dass er aus seinem Konkurs einiges an Kapital hatte retten können, mit dem er seinen Sohn vor so manchen Entbehrungen hätte schützen können.

Doch dann kann der angepasste junge Mann nicht mehr. Die Verwandlung in ein Ungeziefer ist für Regisseurin Brit Bartkowiak eine Metapher. Für ein Burn-out, für eine Depression, die Menschen in der Leistungsgesellschaft befällt, sie unfähig macht zu arbeiten, die Bedingungen der Gesellschaft (Familie) zu erfüllen und sie an den Rand eben dieser Gesellschaft schiebt.

Eindrucksvolle Bühnenästhetik

Bei Kafka endet „Die Verwandlung“ im Tod. Gregor Samsa stirbt, nachdem ihm die Familie erst mit Widerwillen und Abscheu, dann mit reiner Ablehnung begegnet. Sie räumt sein Zimmer aus, nimmt ihm alles, was ihn an das Menschsein erinnert hat und schließt ihn aus: Diese Debatte über den Ausschluss aus der Gesellschaft wird in Deutschland seit Jahren geführt, spätestens seit der Einführung von Hartz IV. Regisseurin Brit Bartkowiak, die an großen deutschen Theatern inszeniert, legt den Fokus ihrer ersten Marburger Inszenierung nicht auf die surreale Verwandlung in ein Ungeziefer, sondern auf den täglichen Druck, der in unserer Leistungsgesellschaft ausgeübt wird.

Die Menschen müssen funktionieren, sonst werden sie ausgeschlossen – überspitzt: zu Ungeziefer, das entfernt werden muss. Bartkowiak hat mit ihrem Team, dem Ausstatter Nikolaus Frinke und dem Komponisten Xell, für dieses Stück eine eindrucksvolle Bühnenästhetik gefunden. Die Bühne ist nackt bis auf Lamellenbahnen, die von der Decke bis zum Boden herabhängen. Diese Bahnen aus einem leichten, durchscheinenden Material sind beweglich, die Darsteller können die Bühnenlandschaft ständig verändern.

Live gespielte Instrumente

Die Kostüme sind heutig: Hosen, Blusen, Pullover. Indem die Hosen ganz hoch getragen werden, erreicht Bartkowiak durch eine minimale Änderung einen irritierenden, verfremdenden Effekt. Großartig sind die Lichtführung und die Videoeinspielungen auf den Lamellenbahnen, die mal live, mal aus der Konserve eingespielt werden und die Zuschauer in den Bann schlagen.

Die sechs Darsteller Saskia Boden-Dilling, Mechthild Grabner, Jorien Gradenwitz, Zenzi Huber, Artur Molin und Stefan Piskorz spielen mitreißend. Jeder von ihnen ist Gregor Samsa, jeder hat Angst vor der Verwandlung, jeder ist Erzähler, jeder ist eiskalt in der Ablehnung dieses Ungeziefers. Sie spielen fast ohne Requisiten. Einzig live gespielte Instrumente wie Akkordeon, Geige, Klavier oder E-Gitarre stehen ihnen in wenigen Szenen zur Verfügung. Die Reduktion auf Kafkas kühle Sprache betont den Alptraum, die Kälte der Familie und die Vereinsamung Gregor Samsas. Großes Theater. Am Ende gab es vom Premierenpublikum langanhaltenden Applaus.

Die Nachfrage nach „Die Verwandlung“ ist bei Schulen groß: Die Erzählung ist Abiturstoff. Die nächsten Abendvorstellungen sind am 19. und 20. Dezember.

von Uwe Badouin