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Marburg Theater richtet Fokus auf rechte Szene
Marburg Theater richtet Fokus auf rechte Szene
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20:12 16.04.2012
Kandidatenkarussell auf der Bühne: Sehen so Neonazis aus? Mit überdrehten Quizrunden im Stil von TV-Shows lockern Annette Müller (von links), Oda Zuschneid und Agnieszka Habraschka ihr Stück über den rechten Rand auf. Quelle: Ramon Haindl

Marburg. „Was soll‘n die Nazis raus aus Deutschland? Was hätte das für‘n Sinn? Die Nazis können doch net naus, denn hier jehörn se hin.“ Der  Refrain aus einem Song der „Goldenen Zitronen“ begleitet eine Szene aus „Wo geht‘s denn hier zum rechten Rand?“, das am Sonntagabend in der Black deBox s Hessischen Landestheaters Premiere hatte. 

Die  Dramaturgin Eva Bormann, der Regieassistent Marcel Franken und die Schauspieler Agnieszka Habraschka, Annette Müller, Oda Zuschneid und Charles Toulouse haben sich intensiv auseinandergesetzt mit der neuen Rechten.  

Doch wie setzt man auf der Theaterbühne ein politisches Statement, eine politische Festlegung in Szene? Denn nichts anderes ist die Szenencollage „Wo geht‘s denn hier zum  rechten Rand“. Es ist ein Statement gegen einen mal mehr, mal weniger offenen Rassismus, gegen die Ausgrenzung von Minderheiten, gegen Deutschtümelei und die Angriffe der neuen Rechten. Das Stück ist auch eine Warnung, wie sehr sich demokratische Parteien bisweilen dem Sprachgebrauch  der Rechten annähern. Ist der rechte Rand also ganz nah an der Mitte, die fast alle Parteien für sich reklamieren?

In der Mitte der kleinen Black Box steht ein quadratischer Bühnenaufbau, der nicht von ungefähr an einen Boxring erinnert. Empfangen werden die Besucher von den Darstellern in Abendkleidung: „Schön, dass ihr da seid. Nehmt Platz.“ Die vier Schauspieler als Gastgeber einer netten Soiree? Nein, nett wird der Abend nicht. Weder für die Darsteller noch für das Publikum. Allen verlangt die 90-minütige Collage eine hohe Konzentration ab.

In Monologen, Dialogen und im Ensemble präsentieren die Darsteller spielerisch beiläufig Passagen aus NPD-Parteiprogrammen, aus programmatischen Papieren der Republikaner, aber auch der CDU und der CSU. Eva Herrmann darf sich über die Mütter auslassen, der NPD-nahe Ring Nationaler Frauen über Frauenpolitik. Auch auf den ersten Blick unverdächtige Professoren kommen zu Wort – etwa die Autoren des umstrittenen Heidelberger Manifests von 1982, die  sich wegen der „Unterwanderung des deutschen Volkes“ sorgten und vor der „Überfremdung“ der deutschen Sprache, der Kultur und des „Volkstums“ warnten.

Wenn Annette Müller als privilegierte weiße Deutsche, wie es einmal heißt, von ihren Kindheitserfahrungen mit Menschen anderer Kulturen erzählt und wenn die polnische Schauspielerin Agnieszka Habraschka ihre eigenen Erfahrungen einbringt, ist die Collage ganz nah am Zuschauer. Googelt man den Begriff „Polinnen“ rangieren „kennenlernen“ und „kaufen“ ganz oben, erfährt der Zuschauer. Auch das ist latenter Rassismus.

Auch die Rituale studentischer Burschenschaften erkennt der Besucher schnell. Überdrehte Einschübe mit deutschtümelnden Fangfragen im Stil  zeitgenössischer TV-Quiz-Shows lockern das Stück auf. Alles andere wird ganz bewusst offen gelassen, nicht Parteien oder Personen zugeordnet. Das kann gewaltig irritieren: Manches hört sich links an, manches grün und ist doch braune Soße.

„Wo geht‘s denn hier zum rechten Rand?“ ist ungeheuer aktuell:  Vor mehr als einem Jahr hat das Landestheater die Ensembleproduktion in den Spielplan aufgenommen. Eingeholt wurden die Initiatoren von schrecklichen Ereignissen: Gestern begann in Norwegen der Prozess gegen den bekennenden Nazi Anders Behring Breivik, der vor neun Monaten 77 Menschen ermordete. Vor vier Monaten wurde die Mordserie von drei deutschen Neonazis publik. Und in Marburg wird – wieder einmal – über die Teilnahme rechter Burschenschaften am Marktfrühschoppen debattiert.

Auf der Homepage des Theaters – www.theater-marburg.de/rechterrand – haben die Initiatoren eine umfangreiche Materialsammlung bereitgestellt.
Weitere Aufführungen sind am 25. April und am 8. Mai jeweils um 19.30 Uhr.

von Uwe Badouin

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