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Theater hält Mittelschicht Spiegel vor

Premiere Aus der Mitte der Gesellschaft Theater hält Mittelschicht Spiegel vor

Neben Klassikern ist das Hessische Landestheater immer auf der Suche nach neuen Stücken. Für den Start in die Spielzeit ist es in Oldenburg fündig geworden - bei dem Dramatiker Marc Becker.

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Die Mitte weiß nicht weiter: Daniel Sempf (von links), Tobias M. Walter und Christine Reinhardt in einer Szene des Sprachkonzerts „Aus der Mitte der Gesellschaft“.Foto: Ramon Haindl

Marburg. Was für ein Unterschied zur „Dreigroschenoper“: In der Stadthalle Massenszenen, ein opulentes Bühnenbild, tolle Kostüme und jede Menge Technik. Im Theater am Schwanhof fünf Darsteller in Weiß und Beige, eine bis auf eine Dunstabzugshaube und einen Edelstahl-Aschenbecher leere Bühne. Dort ein Klassiker, hier ein unbekanntes Stück eines - außerhalb der Theaterszene - weitgehend unbekannten Autors.

Dennoch lohnt sich ein Besuch. Denn „Aus der Mitte der Gesellschaft“ ist trotz des sperri­gen Titels, trotz der Verweise auf die Sorgen und Nöte der deutschen Mittelschicht, trotz der spartanischen Ausstattung ein sehr unterhaltsames Stück.

Marc Becker, Jahrgang 1969, ist seit sechs Jahren Hausautor und Hausregisseur am Staatstheater Oldenburg. Dort kann er seine Stücke wie „Terrorprogramm“ oder „Glück für alles“ selbst inszenieren. Dies gilt auch für „Aus der Mitte der Gesellschaft“, das sich in Oldenburg nach und nach zum Publikumsrenner entwickelt hat.

In Marburg war die Premiere am Samstag bei weitem nicht ausverkauft - zu unbekannt Stück und Autor, zu groß das kulturelle Konkurrenzangebot. Das könnte sich noch ändern, denn die Inszenierung des jungen Niederländers Marc Wortel entpuppt sich als äußerst kurzweiliges Theatervergnügen: Drei Männer - Johannes Hubert, Daniel Sempf und Tobias M. Walter - und zwei Frauen - Uta Eisold und Christine Reinhardt - stehen dort auf der Bühne. Sie haben keine Namen, spielen keinen Charaktere. Sie sind Durchschnittsmenschen wie Du und Ich, leben in einer mittelmäßigen Stadt in einer mittelmäßigen Wohnung, tragen Durchschnittskleidung. „Durchschnitt sein ist Ehrensache“, sagen die Stimmen der Mittelschicht, die Stimmen der schweigenden Mehrheit.

Ja, sie machen sich Gedanken über Klimawandel, Terrorismus und Arbeitslosigkeit, behalten sie aber für sich. Und am besten wäre es ohnehin, man würde sich erst gar keine Gedanken machen, dann hätte man auch mehr Zeit - für sich.

„Sprachkonzert“ nennt Marc Becker seinen Text, in dem er geschickt Floskeln zusammenfügt. Denn vor einem hat die Mittelschicht, die Mitte der Gesellschaft, richtig Angst: Vor dem Abstieg, dem Fall ins Nichts, vor Hartz IV. Jahrelang war dieser Sturz fern, doch jetzt rückt er immer näher ins Bewusstsein des Durchschnittsbürgers, der ja auch im Publikum sitzt. Und der wird rigoroser. Der Bettler? Früher hat man ja gern gegeben, aber heute weiß man: Der ist selber Schuld oder er gehört zu Bettlermafia. So hofft man auf einen „Erlöser“, der sagt, wo es lang geht, ja, womöglich sogar auf einen Unterdrücker („Das klingt jetzt aber ein wenig negativ.“)

Während die Mittelschicht um ihre Sicherheiten bangt, richtet sie den Blick auf die, denen es noch schlechter geht: Griechen- und Frauenwitze werden erzählt. Und wenn alle Stricke reißen, gibt es ja noch König Fußball.

Marc Wortel hat das „Sprachkonzert“ mit viel Tempo in Szene gesetzt. Gespielt wird vor und hinter dem geschlossenen Vorhang, auf der fast leeren Bühne, permanent rauchend unter einer Dunstabzugshaube oder im Publikum. Und den fünf Darstellern macht diese bisweilen boshaft zynische und oft sehr komische Auseinandersetzung mit den Ängsten der Mitte, die schnell in Radikalität umschlagen können, sichtlich Spaß. Dem Publikum übrigen auch, das stürmisch applaudierte.

Aus der Mitte der Gesellschaft ist morgen Abend und am 30. September jeweils ab 19.30 Uhr wieder im Theater am Schwanhof zu sehen.

von Uwe Badouin

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