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Marburg The Kraut: Das Leben ist eine Bühne
Marburg The Kraut: Das Leben ist eine Bühne
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19:30 17.10.2010
In ihrer Wohnung plant die gealterte Marlene Dietrich (Susanne Bard) ihre eigene Beerdigung. Nicht aber, ohne vorher noch einmal in den Erinnerungen des Lebens zu kramen. Quelle: Jens Ostrowski

Marburg. Am Ende, da ist die Whiskeyflasche leer. Dazwischen lag ein Rausch voller Erinnerungen, Emotionen und Gesang. Ein Rausch, der auch die Zuschauer mit in seinen Bann zieht. Ein Rausch, der den ein- oder anderen glauben lässt, wahrhaftig Marlene Dietrich auf der Bühne spielen zu sehen. Dabei sieht Schauspielerin Susanne Bard dem Weltstar von einst nicht einmal besonders ähnlich. Die falschen Wimpern, die großzügig aufgetragene Schminke – alles nur Äußerlichkeiten. Nein, es sind die Details, die den Kenner stutzen lassen. Die leicht verwaschene Aussprache, der Hang zum Extremen. Genau das ist es, was die Erinnerungen an die Sängerin von einst wecken.

Die Haare unter einem Haarnetz versteckt, das Bühnenbild auf das Wesentlichste konzentriert, ist es die bloße Mimik, mit der Schauspielerin Susanne Bard die Aufmerksamkeit der Zuschauer sichern muss. In ihren Gesichtszügen spiegeln sich die Erinnerungen. Erinnerungen einer Marlene Dietrich, die sich ausschließlich um eines drehen: Sie selbst. Egozentrisch, extravagant, emotional. So blickt sie zurück auf ihr Leben, ihre Karriere, die einst vor der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland begann und sich in Hollywood fortsetzte. Sie singt und erzählt von den Versuchen der Nazis, sie ‚heim ins Reich‘ zu holen.

Aber politisch? Nein, politisch ist diese gealterte Marlene Dietrich auf der Bühne nicht. Sie ist eher eine Frau, die sich hat treiben lassen. Musik, Make-up und immer wieder Männer. „Sie faszinieren ja ein paar Tage, aber dann …?“ Ja, dann? Dann geht das Leben eben weiter. Mit einem neuen Mann, in einer neuen Welt.

Und weil eine schillernde Figur wie Marlene Dietrich keinen Platz für weitere Charaktere auf der Bühne zulässt, ist es nur ein Pianist, der sie an diesem Abend begleitet. Wobei das Wörtchen „nur“ untertrieben ist. Pianist Jens-Uwe Günther sagt nur ein Wort: „Nix“. Aber er führt mit seinem Klavier Regie. Er gibt die Erinnerungen vor, liefert mit den Tasten die Stichwörter.

„The Kraut“ – eine Schauspielerin und ein Musiker. Ein einsames Stück, könnte man meinen. Aber Susanne Bard füllt die Bühne mit ihrer geliehenen Persönlichkeit der Marlene Dietrich voll aus. Sie schlüpft in zahlreiche Rollen, spielt den Hitler im beigen Abendkleid, parodiert Stummfilme im Schlafanzug und sucht immer wieder augenklimpernd den Kontakt zum Publikum. Sie schlüpft in die Rollen der Stars der 40er und 50er, singt, spielt und trinkt sich durch die Nacht. Ihre letzte Nacht. Denn am Ende, dann, wenn die Whiskeyflasche geleert und alles gesagt ist, wenn die Perücke abgenommen und das Abendkleid ausgezogen wurde, dann wird sie sterben. Furchtbar unspektakulär, furchtbar unauffällig. Gar nicht, wie es ihrem Stil entspricht. Zurück bleiben Zuschauer, die ihren Rausch erst einmal verarbeiten müssen. Zuschauer, die nun eines begriffen haben: Diese Frau hat gelebt.

Weitere Aufführungen finden am 30. Oktober und 27. November jeweils um 19.30 Uhr im Theater am Schwanhof statt.

von Marie Lisa Schulz