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Marburg Teil der „Schweigegemeinschaft“
Marburg Teil der „Schweigegemeinschaft“
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17:51 26.07.2012
Das Archivfoto zeigt Erwin Strittmatter (1912-1994) bei einer Lesung 1992 im Erfurter „Haus des Buches“, wo er seinen Erfolgsroman „Der Laden“ vorstellte. Foto: Heinz Hirndorf Quelle: Heinz Hirndorf
Marburg

„Das ist nicht der Vater, den ich kenne“, sagt Jakob Strittmatter, der Sohn des 1994 gestorbenen DDR-Schriftstellers Erwin Strittmatter („Der Laden“). Am 14. August wäre der aus Spremberg in der Lausitz stammende und zuletzt im Ruppiner Land beheimatete Autor 100 Jahre alt geworden. Im Vaterhaus im märkischen Schulzenhof bei Gransee übergibt der Sohn der Autorin Annette Leo bisher im Familienbesitz unter Verschluss gehaltene Briefe, Aufzeichnungen und Dokumente seines Vaters aus dem Zweiten Weltkrieg.

Sie belegen, dass Erwin Strittmatter Angehöriger eines der SS

unterstellten Polizeiregiments war, das in Slowenien und Griechenland Kriegsverbrechen verübte. Strittmatters Krakauer Adresse im besetzten Polen lautete „SS-Totenkopfkaserne“.

Annette Leo hatte die Dokumente für ihre Strittmatter-Biografie erbeten, die jetzt im Berliner Aufbau Verlag erschienen ist. Dort kam bereits im Juni der erste Band der Strittmatter-Tagebücher von 1954-1973 heraus, in denen Strittmatter auf die Kriegszeit immer nur kurz oder in Andeutungen zu sprechen kommt. Seine inzwischen gestorbene Mutter Eva Strittmatter sei über den Inhalt der Briefe so bestürzt gewesen, dass sie die Papiere nicht an die Öffentlichkeit geben wollte, erzählt Jakob Strittmatter. Den größten Teil des schriftlichen Nachlasses seiner Eltern hat der Sohn dem Archiv der Akademie der Künste in Berlin übergeben.

Strittmatter habe der „Schweigegemeinschaft“ seiner Generation angehört, meint die Autorin Leo. Aber anders als sein Schriftstellerkollege Günter Grass, der als junger Mann am Ende des Krieges noch kurzzeitig der Waffen-SS angehörte und der sich als Achtzigjähriger doch noch entschloss, „die Häute der Zwiebel“, wie er es nannte, abzuziehen, habe Strittmatter nicht versucht, diese Schichten zu Lebzeiten abzutragen. Selbst in seinen Tagebüchern taucht die Kriegszeit allenfalls in flüchtigen Anspielungen auf. Wie zum Beispiel die Behauptung, „daß den ganzen Krieg über keine Kugel meinen Gewehrlauf verließ“. Strittmatter führte das bei Kriegsende von den Einheiten vernichtete „Kriegstagebuch“ seines Polizei-Gebirgsjägerregiments 18. Die anderer blieben erhalten und geben detailliert Bericht über „Strafaktionen“ gegen Partisanen und die Zivilbevölkerung in den Dörfern.

„Dann nehmen wir es (das Dorf) endlich und brannten alles nieder“, schreibt Strittmatter Anfang Januar 1942 seinen Eltern aus der Oberkrain in Slowenien. Anschließend schildert er ihnen, was für „reiche Beute“ sie gemacht haben. „Da habe ich mal wieder so richtig fungiert wie früher.“ Und dann: „Nun holen wir zum Hauptschlag aus. Die Banden sind immer noch nicht ganz aufgerieben.“ Was Strittmatter dabei genau getan hat, ist nicht bekannt.

Allein in den Monaten Januar bis Mai 1944 „hinterließ das SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiment 18 eine Spur von Mord und Verwüstung in Mittelgriechenland und in der Hauptstadt Athen“, heißt es in dem Buch von Leo. Im überlieferten Kriegstagebuch des zur gleichen Zeit in der Oberkrain eingesetzten Polizeibataillons 93 heißt es am 20. Juli 1942: „Die männliche Bevölkerung über 15 Jahre wird an Ort und Stelle erschossen und die übrige Bevölkerung ausgesiedelt.“ Im Sommer 1944 wechselte Strittmatter nach Berlin zur Film- und Bildstelle der „Ordnungspolizei“.

Natürlich sind die Kriegszeiten nur ein Teil der ausführlichen Biografie, aber es sind die über Strittmatters Tagebücher hinausgehenden und bisher nicht so ausführlich dokumentierten Lebensabschnitte des in der DDR als Volks- und Heimatschriftsteller gefeierten Bestsellerautors. Über seine Jahre in der DDR mit einer Art „Doppelleben“ geben seine Tagebücher Auskunft. Diese Selbstauskünfte werden von Annette Leo in ihrer Biografie hervorragend ergänzt und teilweise auch korrigiert.

Das kulturpolitische Tauziehen um Strittmatter-Bücher wie „Ole Bienkopp“ (1963) und „Wundertäter III“ (1980) wird in dem Buch exemplarisch für die politische und oft bis zum Exzess getriebene Stellvertreterfunktion der Kunst in einem totalitären Staat ausführlich dokumentiert. Den dritten Band des „Wundertäters“, ein Buch über Tabus und die Zensur, konnte in einem solchen System nur ein Staatschef höchstpersönlich mit einem Aktenvermerk „Einverstanden E.H.“ (Erich Honecker) zum Druck freigeben.

Trotz allem blieb Strittmatter bis 1978 einer der Vizepräsidenten des DDR-Schriftstellerverbandes (mit „Aufpassern“ der Stasi, der auch Strittmatter bereitwillig Auskünfte gab) und bis 1989 auch SED-Mitglied. Dabei hatte er doch längst in seinem Tagebuch notiert: „Ob Rechts-, ob Links-Diktatur, in beiden wird der Geist vergewaltigt... Wie kann ein denkender Mensch das gutheißen?“

Annette Leo: „Erwin Strittmatter. Die Biographie“, Aufbau Verlag, 448 Seiten, 24,99 Euro.

von Wilfried Mommert

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