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Marburg Märkte: "Wollen Ware nicht wegwerfen"
Marburg Märkte: "Wollen Ware nicht wegwerfen"
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00:16 13.02.2019
Laut verschiedener Studien der Universität Stuttgart und der FH Münster sollen in Deutschland zwischen elf und 18 Millionen Tonnen Lebensmittel jährlich im Müll landen. Quelle: Frank May
Marburg

Erst Frankreich, dann Tschechien: Ende vergangenen Jahres bestätigte das tschechische Verfassungsgericht das Gesetz für große Supermarktketten, die dazu verpflichtet sind, Lebensmittel zu spenden, statt sie wegzuwerfen. Vor rund drei Jahren wurde ein solches Gesetz bereits in Frankreich eingeführt.

In beiden Ländern müssen Lebensmittelläden mit einer Verkaufsfläche von mindestens 400 Quadratmetern alle nicht mehr verkaufbaren, aber noch essbaren Lebensmittel an Hilfsorganisationen abgeben. Andernfalls drohen hohe Geldstrafen. Verschiedene NGOs und Aktivisten fordern das für ganz Europa.

Eine Lebensmittel-Abgabepflicht besteht in Deutschland nicht, sei aber vorstellbar und in der Praxis umsetzbar, doch müssten dabei auch andere Gesetze beachtet werden. Das teilten zumindest drei große Supermärkte der Ketten Tegut, Rewe und Edeka auf OP-Nachfrage mit. Die „Rewe Group“ würde einer potenziellen gesetzlichen Abgabepflicht „ganz entspannt“ gegenüber stehen: Wie Pressesprecherin Anja Krauskopf mitteilt, sei die „Rewe Group“ sowieso einer der größten Tafel-Partner.

„Im Prinzip machen wir das also schon, wir arbeiten eng mit den Tafeln zusammen.“ Eine gesetzliche Verpflichtung zur Spende könne Rewe daher „durchaus umsetzen, es ist schon jetzt gelebte Praxis – denn es ist ja nicht in unserem Sinne, noch verzehrfähige Lebensmittel entsorgen zu müssen“, betont Krauskopf.

Vorschriften bremsen Spendenbereitschaft

Obst und Gemüse sowie Molkerei- und Milchprodukte, die kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums (MDH) stehen, würden von den Märkten günstiger verkauft oder eben an die Tafeln vor Ort gespendet. Mit diesen gebe es Vereinbarungen, was Haftungsfragen angeht oder die Einhaltung der Kühlkette, womit sich die Märkte auch absichern. 

Denn Lebensmittelsicherheit und diverse Hygienevorschriften seien bei der Weitergabe von Waren wichtiges Thema. Produkte, bei denen die vom Hersteller angegebene Haltbarkeitsgrenze überschritten sei, könne Rewe nicht an die Tafeln spenden. Frischfleisch und Wurstwaren dürften generell nicht abgegeben werden.

Genauere Angaben, wie viel trotz Spendenpraxis dennoch im Müll landet oder über die genaue Menge an verschenkten Lebensmitteln konnte der Markt nicht machen. Von strengen lebensmittelrechtlichen Vorschriften sprechen dabei alle Märkte – was nicht verkauft werden oder was verschenkt werden darf, ist gesetzlich geregelt. Dennoch herrsche mancherorts Unsicherheit, gerade was die Produkthaftung angeht.

Das bremst teilweise die Spendenbereitschaft. „Im Prinzip finde ich es sehr gut, wenn Bedürftige die Lebensmittel erhalten, aber es ist auch schwierig für den Einzelhandel“, sagt Maria Kempf vom Edeka-Markt Kempf. Etwa Hygienevorschriften oder die Dokumentationspflicht der Märkte spielten bei dem Thema eine Rolle. Wann wurde welcher Käse geöffnet, welche Temperatur herrschte vor, wie wird mit der eingedellten Banane umgegangen?

Lebensmittelverschwendung: "gesamtgesellschaftliches Problem"

„Es gibt viele Auflagen, allein was die Haftung betrifft, das ist ein riesiges Thema geworden“, sagt Kempf. Entsprechend vorsichtig gingen die Märkte mit der Abgabe ihrer Lebensmittel um. Das reiche bis zum Abschließen der Müllcontainer. Der Supermarkt spende auch keine Lebensmittel, aus schlechter Erfahrung heraus, aber auch, da man sich zwangsläufig absichern müsse, „man ist einfach vorsichtig geworden.“ Wenn alle Fragen der Haftung geklärt werden könnten, „dann wäre eine Abgabe auf jeden Fall möglich – es ist so schade, Lebensmittel wegzuwerfen“, sagt Kempf.

Die Supermarktkette Tegut sieht in der Lebensmittelverschwendung „ein gesamtgesellschaftliches Problem“ und wolle die Kunden dahingehend sensibilisieren, teilt Tegut-Pressesprecher Michael Krause auf Nachfrage mit. Denn: „Mehr als 60 Prozent aller verschwendeten Lebensmittel in Deutschland entstehen in Privathaushalten – viele Bürger entsorgen Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum noch nicht beziehungsweise gerade abgelaufen ist“ oder die lediglich Schönheitsfehler aufweisen, stellt Tegut fest.

Generell versuche man „durch optimale Planung“ – etwa Berechnungen und Prognosen zum Warenbedarf – einen Überbestand an Waren zu vermeiden. Produkte, bei denen das MHD bald abläuft, werden günstiger verkauft oder an die Tafeln vor Ort abgegeben. Mit diesen habe man „Regelungen getroffen, sodass bestimmte Lebensmittel auch an die Tafeln abgegeben werden können, bei denen das MHD überschritten ist.“

Tafel könnte Mehrarbeit nicht stemmen

Was eine mögliche gesetzliche Pflicht zur Abgabe angeht, weist Tegut darauf hin, „dass es aufgrund der unterschiedlichen Ländergesetzgebung schwierig ist, hier Vergleiche anzugehen.“ Auf Deutschland bezogen allein aufgrund der „klaren Vorgaben, welche Lebensmittel ein Mindesthaltbarkeitsdatum und welche ein Verfalls- beziehungsweise Verbrauchsdatum haben – und wie mit diesen entsprechend bei Ablauf zu verfahren ist.

Auch die Frage nach der Haftung und der Übernahme der Verantwortung bei Abgabe von Lebensmitteln müsste in solch einem Kontext entsprechend diskutiert werden“, so Tegut.

Die Marburger Tafel betrachtet das Thema aus einer anderen Perspektive und könnte die mit einem potenziellen Gesetz einhergehende Mehrbelastung gar nicht schaffen. „Die großen Märkte spenden ja schon an uns – wenn noch mehr dazu kommen würden, könnten wir das allein personell gar nicht bewältigen“, sagt Rita Vaupel, Vorsitzende der Marburger Tafel.

Sie verweist außerdem auf mögliche Nebenwirkungen, sollte die Freiwilligkeit wegfallen: „Die freiwillige Basis ist mir da lieber, die Geschäfte achten darauf, dass sie uns nicht nur Müll geben. Aber mit einem Gesetz könnte sich das unkontrolliert ändern und wir müssten als Müllentsorger herhalten“, schätzt Vaupel.

von Ina Tannert