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Marburg Streitbarer Geist und moralische Instanz
Marburg Streitbarer Geist und moralische Instanz
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18:13 10.06.2013
Das Foto zeigt Walter jens 2003 in seinem Haus. Der Autor starb am Sonntag im Alter von 90 Jahren.Fotograf: Murat/dpa Quelle: Marijan Murat
Tübingen

Mit 90 Jahren ist er nun gestorben Sein Abschied von der Welt hat viele Jahre gedauert. Zuletzt konnte Walter Jens nicht mehr reden und nicht mehr schreiben. Einer der größten Intellektuellen der deutschen Nachkriegsgeschichte war durch seine Demenz-Erkrankung noch zu Lebzeiten verstummt. Doch er hing an dieser Existenz: Der Mann, für den ein Leben ohne die Künste früher so unvorstellbar schien, dass er dann lieber durch eine tödliche Spritze sterben wollte, hat bis zuletzt am Leben festgehalten, wie seine Familie erzählt. Am Sonntagabend ist der Tübinger Professor und langjährige Präsident der Berliner Akademie der Künste im Alter von 90 Jahren gestorben.

Immer waren es die Künste, für die sich der Literaturliebhaber und -wissenschaftler zeitlebens einsetzte. Jens war einer der profiliertesten streitbaren Geister in Deutschland, der sich von keinem Kanzler, Präsidenten oder Landesherrn einschüchtern ließ. „Ich habe gern und oft verloren und bin ein klein wenig zernarbt“, sagte er einmal. „Man muss auch eher verlieren können als sich anzupassen.“

Viele sahen in Walter Jens eine „moralische Instanz“ und einen engagierten Demokraten. Der sprachmächtige Aufklärer und Christ brillierte mit einem Bildungskanon des Universalwissens, der andere staunen ließ - vom Neuen Testament und altgriechischen Tragödien über Philosophie bis zur Mondlandung oder dem von ihm so geliebten Fußball.

Eigentlich wollte der Hamburger Bankierssohn Strafverteidiger oder Prediger werden. 1947 begann er mit dem Schreiben - im Laufe der Jahrzehnte entstanden Romane, Dramen, Hörspiele und Essays. 1950 kam er als Dozent an die Universität Tübingen, wo er 38 Jahre lang lehrte und den bislang bundesweit einzigen Lehrstuhl für Allgemeine Rhetorik aufbaute. 1950 stieß er auch zu der legendären Schriftstellervereinigung „Gruppe 47“. Er übersetzte Evangelien aus dem Neuen Testament, erzählte die Odyssee nach und widmete sich dem“«Fall Judas“, den er ungerecht beurteilt sah. Viele Neuauflagen erlebte sein Standardwerk „Statt einer Literaturgeschichte“ von 1957.

Vor allem aber prägte er wie nur wenige als gesellschaftspolitisch engagierter Moralist und Pazifist das geistige Nachkriegsdeutschland. Gemeinsam mit seiner Frau Inge wurde er in den 1980er Jahren zu einer Galionsfigur der Friedensbewegung.

Im Mai 1989 wählte die Berliner Akademie der Künste Walter Jens zu ihrem Präsidenten. Im hohen Alter musste sich Jens dann aber auch kritisch selbst nach seiner Moral befragen lassen, als seine NSDAP-Mitgliedschaft als junger Mann offenbar wurde. Der Gelehrte verfiel in schwere Depressionen und wurde laut seiner Familie abhängig von Antidepressiva. „Kann ein 18-Jähriger nicht lernen?“, fragte er später.

von Wilfried Mommert und Marc Herwig

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